NPH Haiti 2013 Hospital 236
Aktuell

Zerbrechliches Land – starkes Land

Haiti ringt noch immer mit dem Wiederaufbau

An einem heißen Junitag trank Richard in Haiti ein paar Schluck Wasser. Wenig später wurde er in lebensbedrohlichem Zustand in die Choleraklinik von nuestros pequeños hermanos (nph) in Tabarre eingeliefert. Im Wasser hatten sich Cholerabakterien befunden. Als Lunge und Herz des 18-Jährigen zu versagen drohten, wurde Richard intubiert und an die Beatmungsmaschine angeschlossen. Dann fiel der Strom aus. Zwei Mitarbeiter von nph, Esther Desir und Raphael Louigene, retteten dem jungen Mann das Leben. Sie halfen rund 20 Stunden bei der manuellen Beatmung des Patienten – und das nach einem anstrengenden Arbeitstag im Kinderkrankenhaus von nph.


Esther Desir und Raphael Louigene ringen um jedes Menschenleben. Am 10. Dezember 2013 wurden sie in New York im Rahmen der Veranstaltung Haitian Heroes für ihr Engagement geehrt. Stellvertretend für viele hunderttausende Haitianer, die täglich ihr Bestes geben, nicht nur um zu überleben, sondern um das vom Erdbeben 2010 zerstörte Land wieder aufzubauen und in eine bessere Zukunft zu führen.

Bislang sind keine Makroprojekte entstanden

Vier Jahre nach der Katastrophe hat sich Haiti noch immer nicht von den Auswirkungen erholt: Das Land zählte schon vor dem Erdbeben zu den ärmsten Ländern der Welt. Durch das Beben verloren mehr als 220.000 Menschen ihr Leben, über eine Million Haitianer wurden obdachlos. „Auf den ersten Blick scheint langsam eine Normalität eingekehrt zu sein, die dem Stand von vor dem Erdbeben entspricht. Die Entwicklungen, die sichtbar werden, sind erneuerte Straßen, renovierte Häuser, Zeltstädte, die nach und nach in den Hintergrund rücken. Doch gleichzeitig wissen wir, dass keine Makroprojekte entstanden sind, die eine nachhaltige Verbesserung bringen“, sagt Cassagnol Destiné, Mitarbeiter bei nph deutschland, Karlsruhe. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Nach dem Erdbeben war die Handlungsfähigkeit der haitianischen Regierung stark eingeschränkt. Die von vielen Staaten zugesagten Hilfsgelder wurden nur zögerlich und bis heute nicht in voller Höhe ausgezahlt. Das schränkte ein zügiges Handeln der haitianischen Regierung ein. Mit den privaten Spendengeldern der Hilfsorganisationen hingegen konnte zügige Nothilfe geleistet werden. Doch die Absprachen unter den zahlreichen Organisationen waren unzureichend, so dass Synergien kaum genutzt werden konnten.


Entwicklungszusammenarbeit braucht Kontinuität

Schätzungen zufolge waren nach dem Erdbeben rund 15.000 Hilfsorganisationen in Haiti im Einsatz. Die meisten von ihnen waren auf Nothilfe ausgerichtet und sind inzwischen wieder aus dem Land verschwunden. „Nur wenige Organisationen waren schon vor dem Beben im Land aktiv und haben dort nachhaltig geholfen. Zu diesen Organisationen gehört nph“, führt Heiko Seeger, Geschäftsführer nph deutschland, aus. Seit 1987 ist die Organisation in Haiti aktiv und in dieser Zeit zu einer lokalen Institution geworden. Das Kinderdorf in Kenscoff bietet mehr als 400 Mädchen und Jungen ein Zuhause. Im zweiten Kinderdorf in Tabarre, das nach dem Erdbeben für Waisen entstand, leben rund 200 weitere Kinder. Für die Gesundheit dieser und rund 100.000 anderer Kinder aus ganz Haiti, ist das Kinderkrankenhaus „St. Damien“ zuständig. Es zählt zu den modernsten medizinischen Einrichtungen und ist das einzige mit einer Krebsstation für Kinder. Heute betreibt nph in Haiti viele weitere Gesundheitszentren, darunter die Choleraklinik sowie das „St. Marie“-Krankenhaus in Cité Soleil, einem der gefährlichsten Armenviertel der Welt. Dort hat das Kinderhilfswerk auch Straßenschulen aufgebaut, damit die Mädchen und Jungen aus den Slums eine Chance auf Bildung und damit ein besseres Leben erhalten. Für Familien, die in Cité Soleil unter menschenunwürdigen Bedingungen in Blechhütten hausen, hat nph kleine Häuser aufgebaut, mit Schlafraum, Wohnraum, Kochstelle und sanitären Anlagen. Bislang wurden 118 Häuser fertiggestellt und weitere sollen gebaut werden.


Soziale und politische Instabilität wächst

Viele Haitianer sind enttäuscht vom schleppenden Wiederaufbau des Landes und der weiterhin sehr verbreiteten Armut innerhalb großer Teile der Bevölkerung. Immer häufiger kommt es zu gewaltsamen Demonstrationen, auf denen der Rücktritt von Präsident Michel Martelly gefordert wird. Ihm wird mangelnder politischer Wille vorgeworfen, die für viele Haitianer untragbare soziale und wirtschaftliche Situation verbessern zu wollen. Eine dieser Demonstrationen fand direkt vor den Toren des Kinderkrankenhauses von nph statt, weil sich die Demonstranten der nahe gelegenen Amerikanischen Botschaft nicht nähern durften. Um der Lage Herr zu werden, setzten Sicherheitskräfte Tränengas ein, das auch ins Kinderkrankenhaus eindrang.


Dass Verzweiflung oft zu Gewalt führt, mussten die Mitarbeiter von nph Ende November schmerzlich erfahren: Einbrecher drangen abends ins Kinderdorf in Kenscoff ein und verschafften sich dort Zutritt zum Haus für Menschen mit Behinderungen. Die irische Mitarbeiterin Gena Heraty stellte sich den mit Schusswaffen und Hämmern bewaffneten Dieben in den Weg, um die behinderten Kinder und Jugendlichen zu schützen. Der zur Hilfe eilende Wachmann Major Cesar wurde von den Einbrechern kaltblütig erschlagen. Er arbeitete mehr als 25 Jahre für das Kinderhilfswerk und opferte sein Leben, um andere zu schützen. Wie Esther Desir und Raphael Louigene, ist auch Major Cesar ein Held.


Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung

In Haiti liegt die offizielle Arbeitslosenquote bei über 40 Prozent. Die wirkliche Quote dürfte aber erheblich höher sein. Industrie gibt es in Haiti so gut wie keine. Deshalb setzt Präsident Martelly auf den Tourismus als treibende Kraft eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Ob dies gelingt, bleibt allerdings abzuwarten. „Haiti liegt in der Karibik und damit in einer der schönsten Gegenden dieser Welt. Leider ist die Situation so, dass Haiti in Zusammenhang mit Gefahr und Kriminalität gebracht wird. So lange dieser Zustand anhält, werden wir kein Bild von Haiti vermitteln können, wie wir es uns wünschen“, bremst Cassagnol Destiné einen übertriebenen Optimismus. Dennoch würde er sich wünschen, dass eines Tages Touristen nach Haiti kommen und als Botschafter des Landes in ihre Heimat zurückkehren. „Aber das geht erst dann, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen in Haiti erfüllt und Gewalt und Kriminalität so eingedämmt sind, dass Haiti als sicheres Land betrachtet werden kann.“ Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.


nuestros pequeños hermanos (nph) feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Das Kinderhilfswerk wurde 1954 von Padre William Wasson gegründet um verwaisten und verlassenen Kindern in Lateinamerika ein Zuhause zu schenken. Zurzeit leben rund 3.400 Kinder in elf Kinderdörfern in Lateinamerika. Die Kinder leben dort wie in einer großen christlichen Familie, gehen zur Schule und können einen Beruf erlernen. Seit der Gründung des ersten Kinderdorfes sind schon mehr als 17.900 Kinder bei nph aufgewachsen und haben erfahren, was bedingungslose Annahme und Liebe, Teilen, Mitarbeit und Verantwortung bedeutet. Außerdem leistet die Organisation in ihren Projektländern humanitäre Hilfe für weit mehr als 200.000 notleidende Menschen.


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