Aktuell

Wo viel Sünde ist, ist noch mehr Gnade

Pater Rick berichtet über die Arbeit in den Flutgebieten, neue Kinder im Waisenhaus und das schlimme Schicksal einer Familie in Wharf Jeremy.

Wir haben gerade 87 neue Kinder in das Waisenhaus aufgenommen, viele von ihnen aus sehr schwierigen Verhältnissen. Keines dieser Kinder kommt aus den Überschwemmungsgebieten. Noch haben wir keinen Überblick über die Situation verwaister Kinder aus den Flutgebieten. Die neuen Kinder kommen, wie es sich gerade ergibt und wie es im Heim vorbereitet werden kann. Sie kommen zu einer Zeit mit vielen Festen: Abschlussfeier des Kindergartens, Erstkommunion, die erste Messe des ehemaligen Freiwilligen Pater Craig Hightower, der Beginn des Sommerprogramms und viele weitere fröhliche Anlässe!

 

Bisher haben wir 12 Fahrten in die Flutgebiete unternommen, drei zur Lagesondierung und neun zum Transport von Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern. Wir haben etwa 15 Tonnen Lebensmittel an die Einwohner verschiedener verwüsteter Dörfer verteilt, besonders in LeRoche und seinen Nachbargemeinden.

 

Am Samstag haben wir unsere letzte "Aufklärungsfahrt" unternommen. Wir fuhren auf Motorrädern den Canyon und das Flussbett hinauf bis nach Thiote. Es war ein langer, anstrengender Tag, aber auch mit einem Schuss Abenteuer und Spaß. Wir waren zu neunt, auf drei Motorrädern und mit einem Lastwagen.

Unsere Hilfeleistungen treten nun in eine neue Phase ein. Da die Straßen (mit großer Mühe) passierbar sind, kommen die Lieferwagen aus Port-au-Prince jetzt bis Thiote und wohl auch nach Mapou. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es sinnvoller, den Familien dabei zu helfen, sich wieder selbst zu versorgen (auch wenn sie schon vor der Flut gerade nur das Existenzminimum hatten). Daher wollen wir etwa 25 Familien dabei helfen, ihre Gärten neu anzulegen (an anderer Stelle), Schutzwälle anzulegen, Bäume anzupflanzen, verlorenes Vieh zu ersetzen und in einigen Fällen ihre einfachen Häuser instand zu setzen. Es scheint uns aber wichtiger, dass sie wieder ihre kleinen Geschäfte und Betriebe aufbauen als ihre kleinen Häuser. Die Häuser können immer noch gebaut werden; der Erhalt der Lebensgrundlage ist der wichtigste erster Schritt.

 

Bis jetzt haben wir ungefähr 75.000 Dollar für die Flutopfer erhalten. Bisher haben wir etwa 6.000 Dollar für Lebensmittel und andere Soforthilfe ausgegeben. Mit 10.000 Dollar haben wir uns an dem Wiederaufbau der Schule in Fond Verette durch die Katholische Kirche beteiligt. So bleiben uns noch 59.000 Dollar, um zwischen 25 und 30 Familien dabei zu helfen, wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen.

 

Der kleine Albino-Junge, den ich in einem früheren Bericht erwähnte, ist jetzt bei uns im Krankenhaus. Er heißt Ronald. Seine Großmutter wollte ihn mir ganz abgeben, für immer. Es ist erstaunlich, wie oft einen Leute ihre Kinder anbieten und sagen, dass man sie behalten soll. Mittlerweile haben wir Ronald für die Tropensonne ausgestattet... mit einer Sonnenbrille, Sonnenschutzcreme und einem Sonnenhut mit großer Krempe. Er wird ein paar Wochen bei uns bleiben, während ein Hautarzt ihn auf Hautkrebs und Vorstufen von Hautkrebs, die entfernt werden müssen, untersucht. Er macht uns viel Freude.

 

Jesula, die vor ein paar Wochen bei einem großen Verkehrsunfall auf dem Marktplatz ihr Bein verlor, muss eine Reihe von Rückschlägen hinnehmen. Sie bricht oft in Tränen aus. Eine schlechte Wundheilung und verschiedene Stürze bei dem Versuch, mit einer Gehhilfe zu laufen, haben sie sehr entmutigt. Um sie ein wenig aufzumuntern, bot ich ihr mein eigenes rechtes Bein an, erwähnte allerdings, dass es an ihr besonders gut aussehen würde, da es weiß, behaart und kaputt (seit meiner OP im November) sei. Sie musste wirklich lachen, und dann sagte sie ja, sie hätte es gern! Sie hat ihren Humor doch noch nicht verloren! Bitte betet für sie! Wir werden sie in die Dominikanische Rpublik schicken, wo sie eine Beinprothese erhalten soll, sobald der Heilungsprozess abgeschlossen ist.

 

Leider gibt es wieder viel Gewalt durch Gangs, und es werden auch viele Kinder reicher Eltern gekidnappt. Die Gangs sind auch in den Slums, in denen wir arbeiten. Vor kurzem, als wir in Wharf Jeremy waren, hörten wir ein wildes Geschrei. Mehrere Kinder schrien und schienen untröstlich. Ich wusste sofort: Da hatte jemand nicht nur Schläge bekommen oder war hingefallen. Es steckte mehr hinter diesem mehrstimmigen Gebrüll. Wir machten uns auf den Weg, bis wir die Hütte fanden, aus der das Geschrei drang. In meinem ganzen Leben habe ich keinen traurigeren Anblick gesehen. Es waren fünf kleine Kinder, deren Vater gerade erschossen worden war. Ihre Mutter hatte sie allein gelassen, um nach der Leiche ihres Mannes zu suchen. Sie waren außer sich vor Kummer. Sie wälzten sich auf dem Lehmboden, bedeckten sich mit Lehm, zerrissen sich die Kleider und heulten und jammerten herzzerreißend. Ein Kind hielt ein totes Kätzchen im Arm. Ich versuchte sie zu trösten, nahm sie in den Arm, redete ihnen gut zu. Aber in ihrem grenzenlosen Schmerz kam ich nicht an sie heran. So gingen wir schließlich nach draußen, um die Leiche des Vaters zu suchen. Wir fanden ihn in der heißen Tropensonne liegend, die weinende Ehefrau stand daneben. Wir luden den Toten in unseren Wagen und brachten ihn zusammen mit der Frau zur Leichenhalle. Dort gaben wir der Frau Geld für die Ausstellung der offiziellen Papiere, für die Kinder und für die Beerdigung. Man kann sich leicht vorstellen, wie uns das Geld zwischen den Fingern hindurchrinnt, denn immer wieder kommen wir in solche Situationen, in denen wir spontan helfen müssen. Ich habe schon Angst vor dem Tag, an dem uns das Geld ausgeht und wir nicht mehr helfend eingreifen können. Dieser Tag wird eine große Herausforderung für unseren Glauben, wenn wir dabeistehen und hilflos zusehen müsssen, so hilflos, wie die armen Menschen selber.

 

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Immer wieder hatte ich das herzzerreißende Bild vor Augen und hörte das Schreien der Kinder. Am nächsten Tag nach der Messe fuhren wir mit sieben Mittagessen nach Wharf Jeremy zurück. Wir saßen in der kleinen Hütte und unterhielten uns mit den Kindern, während sie und ihre Mutter sich das Hühnergericht schmecken ließen. Ich fragte sie nach ihren Namen. Dieses Mal kamen sie zu mir, setzen sich neben mich und wir konnten ihnen sagen, wie leid uns tat, was geschehen war. So konnten wir der schrecklichen Erfahrung, die sie gamacht hatten, menschliche Güte und Freundschaft entgegensetzen. Mir war es ganz wichtig, dass sie diese menschliche und geistliche Medizin so bald wie möglich nach dem traumatischen Ereignis erhielten. Es schien zu wirken. Die Mutter wollte mir alle Kinder mitgeben, und die Kinder baten darum, ich solle sie mitnehmen. Aber das wäre keine gute Lösung gewesen.

Mittlerweile haben wir die ganze Familie aus Wharf Jeremy herausgeholt und dank guter Freunde aus Scranton, Pennsylvania, in einem sicheren, einfachen Haus unterbringen können. Wir werden auch dafür sorgen, dass die Kinder die Schule besuchen können.

 

Paulus sagt, dass wo viel Sünde ist, die Gnade noch viel größer ist. Danke für die Gebete und die Hilfe, die Paulus vollkommen bestätigen.

 

Unseren herzlichen Dank und Gebete für sie und Ihre Familien.

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