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Wilmer hat die Grundschule erfolgreich abgeschlossen

Vor sechs Jahren wurde Wilmer von einem Jäger angeschossen und ist seither gelähmt.

Im Jahre 1999 spielt ein neunjähriger Junge namens Wilmer mit seinen Freunden in einem Waldstück im Norden Guatemalas. Plötzlich hört er einen Schuss. Als er das nächste Mal die Augen öffnet, befindet er sich in einem Krankenhaus und er kann seine Beine nicht mehr spüren. Der Arzt erklärt ihm, dass er von einem Jäger angeschossen wurde, der ihn für ein Wildtier gehalten hatte. Die Kugel hatte ihn in die Brust getroffen und war aus dem Rücken herausgetreten; dabei hatte sie seine Wirbelsäule beschädigt. Die Diagnose ist klar: "gelähmt von der Brust an abwärts". Er würde bis zu seinem Lebensende auf einen Rollstuhl angewiesen sein.

 

Wilmer wurde in einem abgelegenen kleinen Dorf im Dschungel von Peten im Norden Guatemalas geboren. Sein Vater verließ die Familie, als Wilmer drei Jahre alt war; seine Mutter, die die schwierige Situation nicht aushalten konnte, kehrte kurz darauf zu ihrer eigenen Familie zurück und ließ Wilmer und seine beiden jüngeren Geschwister bei den Großeltern väterlicherseits zurück.

 

Die Situation war schon so recht schwierig für die Großeltern, und dann hatte Wilmer auch noch diesen schrecklichen Unfall. Es dauerte fast ein Jahr, bis sich Wilmer von der Verletzung erholt hatte und das Krankenhaus verlassen konnte. Als er zurückkehrte, konnten seine Großeltern mit der neuen Situation nicht fertig werden. Sie ließen Wilmer praktisch den ganzen Tag im Bett liegen, ohne sich besonders um ihn zu kümmern, und nach einem halben Jahr hatte sich sein Zustand so sehr verschlechtert, dass er wieder ins Krankenhaus musste. Diesmal brauchte er ein halbes Jahr, um sich wieder zu erholen.

 

Während seiner Zeit im Krankenhaus hörte jemand seine traurige Geschichte und setzte sich mit UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN in Verbindung. Bald darauf hatten die Sozialarbeiterinnen die nötigen Vorkehrungen getroffen; Wilmer und seine beiden Geschwister konnten zu NPH Guatemala kommen.

 

Dieser Umstand rettete ihm vermutlich das Leben. Als er zu uns kam, litt er an schwerer Unterernährung, Lungenentzündung und einer Hautentzündung, die ihm das Fleisch von den Knochen fraß. Aufgrund des Bewegungsmangels hatte er sich am Rücken großflächig wundgegelegen. Sechs Monate lang kämpften wir darum, dass Wilmer die notwendige medizinische Versorgung erhielt und in ein einigermaßen normales Leben zurückfinden konnte. Während der ganzen Zeit verlor Wilmer nie sein Lächeln. Wenn die Ärzte uns mit der Begründung "Tut uns leid, aber wir haben kein Bett mehr frei" oder "Dieser Fall ist für uns zu schwierig" abwiesen, schaute er uns an und sagte: "Macht euch keine Sorgen, ärgert euch nicht, wir können es doch noch woanders versuchen, vielleicht gibt es ja jemand, der mich nehmen will", und immer mit einem Lächeln. Wie er selbst sagt, hatte er zum ersten Mal seit seinem Unfall nicht mehr die Angst, dass er am nächsten Tag sterben könnte.

 

Seit dieser Zeit hat sich Wilmers Zustand beträchtlich verbessert. Noch immer sieht er sich vielen Schwierigkeiten gegenüber und in vielen Bereichen seines Lebens ist er sehr eingeschränkt, aber er geht zur Schule und wird regelmäßig medizinisch versorgt.

 

Wilmer ist jetzt 14 Jahre alt. Er ist noch immer von der Brust abwärts gelähmt und wird wohl immer einen Rollstuhl brauchen. Da die Nerven zu seinen Armen ebenfalls durch die Verletzung beeinträchtigt wurden, kann er seine Arme und Hände nur eingeschränkt bewegen.

Wilmer hat eine Obstruktion im Darm, die eine besondere medikamentöse Therapie und eine regelmäßige Darmreinigung erforderlich macht. Aufgrund seiner Lähmung hat er keine Kontrolle über seine Blase und leidet an einer chronischen Harnwegsinfektion, die die ständige Einnahme von Antibiotika erfordert. Dank der gründlichen medizinischen Versorgung hat sich die offene Wunde an seinem Rücken fast ganz geschlossen. Aber er hat einen chronischen Husten mit viel Schleimauswurf.

 

Seit einem halben Jahr arbeitet ein Physiotherapeut aus der Schweiz als Freiwilliger bei uns. Er hat im neuen Klinikgebäude einen kleinen Raum für Physiotherapie eingerichtet. Mehrmals in der Woche arbeitet er mit Wilmer und trainiert seine Lunge und die schwache Armmuskulatur. Das ist sehr wichtig, um ihm in Zukunft mehr Selbständigkeit in seinem Alltag zu ermöglichen. Zusätzlich erhält er eine auf das Training abgestimmte Ernährung, damit sein Körper genug Energie erhält, die zum Muskelwachstum notwendig ist.

 

Gerade hat Wilmer die Grundschule mit Erfolg abgeschlossen. Und zum ersten Mal ist er aus seinem Bett in der Krankenstation in einen Schlafsaal im Jungenwohnhaus umgezogen. Bei der Bewältigung seines schwierigen Alltags stehen ihm ein sehr liebevoller Bruder und viele Freunde zur Seite, die ihm helfen, wo immer sie können.

 

Trotz seiner körperlichen Einschränkungen ist Wilmer ein sehr optimistisches und lebenslustiges Kind. Sein freundlicher Charakter und seine Intelligenz rühren die Menschen in seiner Umgebung immer wieder an. Als ich Wilmer kürzlich fragte, was sein größter Traum sei, lächelte er und sagte: "Nun, natürlich würde ich gern wieder laufen können! Aber ich weiß, dass das unmöglich ist. Ich würde gerne Schriftsteller werden oder Programmierer. Für unser Heim wünsche ich mir, dass wir mehr Pflanzen und Bäume hätten und Wege, die für Rollstühle geeigneter sind."

 

Wilmer hat eine Begabung im Bereich Informatik, und im Umgang mit dem Computer ist er bereits recht erfahren. Für seine Zukunft ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass er physisch selbständiger wird. In dieser Hinsicht sind die physiotherapeutischen Bemühungen sehr wichtig.

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