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Aktuell

Weihnachtsbotschaft von Pater Richard aus Haiti

Pater Richard dankt allen Freunden in Deutschland für die Hilfe für Haiti und wünscht ein gesegnetes Weihnachtsfest.


Liebe Freunde,

 

jetzt, da Weihnachten vor der Türe steht, beschäftigt mich noch immer ein Paar schwarze Schuhe, das ich kürzlich auf der Straße gesehen habe.
 
Ich weiß, dass all die Lichter, die Musik, die Weihnachtsbäume und die Adventsstimmung mir helfen sollten, es zu vergessen. Ich kann es aber nicht.


Es war gerade erst letzte Woche, nicht sehr spät am Abend, als der Besitzer dieser schwarzen Schuhe nur wenige 100 Meter von unserem Krankenhaus entführt wurde.
 
Nur ein sehr zerbeultes Motorrad und die leeren Schuhe zeugten davon, dass bis vor Kurzem noch ein Mensch ihr Eigentümer gewesen war.
 
Die Schuhe wurden nicht in der Nähe des Motorrads gefunden, denn sie steckten an Füßen, die vor einer Gefahr davonrannten. Diese Füße rannten so schnell, wie sie nur konnten, bevor sie etwa 15 Meter vom Motorrad entfernt eingeholt wurden. Es sind alte, abgetragene Schuhe mit abgenutzten Schnürsenkeln, die während der Flucht von den Füßen fielen.
 
Ich versuche mir vorzustellen, was alles passiert sein könnte, und ich versuche nicht an die schreckliche Schlussfolgerung zu denken.
 
Seltsamerweise stelle ich mir eher Szenarien vor, in denen die entführte Person selbst ein Täter ist, zum Beispiel ein Dieb. Ich fühle mich anscheinend wohler, wenn ich mir vorstelle, dass er (keine Frau, den Schuhen nach zu urteilen) durch sein Handeln zum Geschehenen beigetragen hat. Es ist beruhigend zu denken, dass das Böse nicht zufällig passiert.
 
Was geschieht in unserer Welt? Es hat den Anschein, dass Gewalt und zerstörerischer Hass überall sind.
 
Und was ist los mit mir, dass ich mich irgendwie sicherer fühle, wenn ich eine entführte Person selbst für ihr Schicksal verantwortlich mache?
 
An Weihnachten könnte es sich lohnen, über folgende Aussage nachzudenken: Was mit der Welt nicht stimmt, ist mein eigener tiefer Hang, Unrecht zu tun - (auch ihrer, also lesen Sie ruhig weiter.)
 
In der Bibel steht, dass wir durch die List des Bösen und den unverbesserlichen Stolz Adams und Evas entführt, von Gott entfernt wurden.
 
Jetzt sind im Paradies, ebenso wie diese leeren schwarzen Schuhe, nur noch Adams und Evas Fußabdrücke zu sehen. Einsame Überreste, die von einst vertrauten Spaziergängen mit Gott erzählen.
 
Seitdem hat sich die Entfernung zu Gott in eine Entfernung zwischen uns und anderen Menschen und schließlich von uns selbst verwandelt. Außerhalb des Paradieses sind wir alle Fremde.
 
Als Fremde können wir die immerwährenden Probleme von Misstrauen, Vorurteilen, Ausbeutung, Ungleichheit, Nichtvergeben und Krieg nicht überwinden.
 
Zudem müssen wir die ewige Last von Sucht, Depression, Selbstverletzung, Orientierungslosigkeit und Aggression tragen. Viele Menschen fühlen sich verloren, wert- und ziellos.
 
Ich möchte hier ein bekanntes englisches Sprichwort zitieren: „Narren eilen hin, wo Engel zu schreiten wagen“, was in etwa dem deutschen Spruch „Blinder Eifer schadet nur“ entspricht. Beide Volksweisheiten sollen nicht bedeuten, dass man die Probleme des Lebens nicht angehen sollte. Es handelt sich eher um einen Hinweis, wie man es nicht tun sollte. In Eile, mit blindem Eifer.

Diese Sprichwörter spiegeln die Lehre der Weihnacht wider, die Art, in der Gott zu uns gekommen ist, um uns vom Bösen zu erlösen, uns „freizukaufen“. 
 
Die christliche Tradition erzählt, dass Jesus (dessen Name „Gott rettet“ bedeutet) im Dunkeln, in einer Einöde zu uns kam. Diese unauffällige Ankunft in unserem Leben war demütig und von Gefahren begleitet: die Geburt in einem Stall, der Mord an den Unschuldigen und die Flucht nach Ägypten.
 
Die Geschichte lehrt uns, dass Jesus langsam heranwuchs, in Weisheit und Gnade, und dass es viele stille Jahre gab, in denen er heranreifte, sich vorbereitete, initiiert wurde, bevor er die unmögliche Aufgabe auf sich nahm, uns bei Gott auszulösen.
 
Wir nennen das Menschwerdung, das Annehmen eines Körpers aus Fleisch, Blut und Knochen, das Teilen unserer Freude und unseres Leids, unserer Geschichte und unseres Schicksals.
 
Es gibt viele, die beklagen, dass die Weihnachtszeit selbst entführt, entfremdet, das Opfer eines kulturellen Krieges geworden ist, und dass die öffentlich sichtbaren Symbole der Weihnacht immer mehr verschwinden.
 
Für all jene jedoch, für die Weihnachten mehr als ein Weihnachtsbaum auf einer Kaffeetasse bedeutet, gibt es keinen Krieg, der jemals gegen die hoffnungsvolle Botschaft der Weihnacht gewinnen könnte. Es ist eine einfache Botschaft.
 
Gott ist bei uns, in jeder Phase unseres Lebens, in aller Freude und in allem Leid, in jeder Schlacht zwischen Gut und Böse. Weil Er bei uns ist, ist uns am Ende der Sieg sicher.
 
Indem wir leben, wie Er lebte, indem wir Seiner Güte nacheifern, indem wir gemeinsam mit Ihm den Preis zahlen, der nötig ist, um die zu retten, die „in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“, arbeiten wir mit an Seinem Rettungsplan.
 
Wir müssen allem widerstehen, was unrecht ist in uns und um uns herum. Wir müssen unsere Süchte durch Freiheit ersetzen, unsere Depressionen durch das Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, unsere schädlichen Gewohnheiten durch Leben spendende Handlungen. Wir müssen die Entfernung zwischen uns und anderen überwinden, indem wir Brücken statt Mauern bauen, Vorurteile durch Respekt ersetzen und Krieg in Frieden verwandeln.
 
Mit „Gott mit uns“ – in unserem Blut und unseren Worten – können wir Berge aus Hochmut zu Fall bringen, Täler voller Leere füllen und in alle leeren Schuhe die Füße ihrer gefangenen Besitzer stellen. Es ist eine große Aufgabe, deren Erfüllung nicht unmöglich ist.
 
Wir arbeiten langsam und beständig, mit wachsender Weisheit und Gnade, um Mitternacht und an unbekannten Orten. Wir kümmern uns um die Schwachen, stärken die Kranken, nähren die Hungrigen. Wir verbinden die Verletzungen der Verwundeten und durch Krieg Gekennzeichneten, wir bekleiden die Nackten, führen die Kinder mit dem Licht der Bildung aus der Dunkelheit des Unwissens. Wir bringen Hoffnung zu den Verzweifelten und begraben die Toten mit Würde und in Hoffnung auf Ewigkeit.
 
Und das Beste daran ist, dass wir all dies mit Menschen wie Ihnen tun.
 
Vielen Dank für Ihre anhaltende Unterstützung unserer Arbeit in Haiti. Wir sind sehr auf Ihre Hilfe angewiesen und möchten Ihnen für Ihre Unterstützung danken und Gott dafür, dass es Sie gibt.

Lassen Sie uns gemeinsam Entfernungen überwinden und die Bande, die uns verbinden, stärken. All das mit der Freude und Hoffnung der Weihnachtszeit.

 
Und natürlich laut und öffentlich!

Frohe Weihnachten Ihnen und Ihrer Familie!

 

Ihr Pater Richard Frechette

Port-au-Prince, Haiti

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