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Vom kleinen Senfkorn und den grimmigen Pforten der Hölle

In diesem Artikel beschreibt Pater/Doktor Rick Frechette, der Direktor der Medizinischen Dienste von NPH International, eine der vielen Tragödien, die sich im vergangenen Winter in Haiti abspielten.

Als Priester verstehe ich ein bisschen von Himmel und Hölle. Als Arzt verstehe ein bisschen von Leben und Tod. Aber seit dem vergangenen Winter habe ich über diese Dinge noch mehr dazu gelernt, besonders über die Hölle. Ich bin froh, dass der Winter zu Ende geht, und das nicht, weil ich den Schnee leid wäre.

 

Es überrascht wohl nicht, dass uns der Winter etwas über den Tod lehrt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Kälte und Dunkelheit des Winters uns etwas über die Hölle lehrt. In Dantes "Göttlicher Komödie" wird die Hölle als eiskalte Dunkelheit dargestellt, in der es keine Flamme und keine Hitze gibt. Das Feuer steht zu sehr für Weisheit, Wärme und den Geist, als das es einen Platz in der Hölle haben könnte.

 

Für diejenigen von uns, die in der Nordhälfte der Erde wohnen, beginnt der Winter am 21. Dezember mit der Sonnenwende. An diesem Tag ist die Sonne am weitesten von uns entfernt, und die Tage sind zu dieser Zeit am kürzesten. Glücklicherweise wendet die Sonne sich dann, um wieder zu uns zurückzukommen. Wenn sie das nicht täte, wenn sie sich immer weiter von uns weg bewegte, würde der ganze Planet mit all seinen Lebewesen innerhalb kurzer Zeit in tödlicher Kälte erstarren. Ja, Gott sei Dank wendet sich die Sonne und kehrt zu uns zurück. Zur gleichen Zeit feiert die Christenheit das große Fest von Weihnachten. Das ist kein Zufall. Christus, das wahre Licht der Welt, begibt sich auf eine Reise zu uns, die uns vom Tod in der eiskalten Dunkelheit der Sünde errettet. Er wendet sich uns zu, und damit errettet er uns vor der Hölle. Die Natur lehrt uns klar, was Gnade ist, die Sonne lehrt uns etwas über den Sohn.

 

Am Anfang der Bibel erfahren wir, dass die Schöpfung Gottes wohlüberlegte Tat ist, mit der er das Chaos in eindeutige Schranken verweist. Es gibt Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Land und Wasser, zwischen Gut und Böse. Unglaubliche Schrecken wie Tsunamis und andere Naturkatastrophen zeigen uns, was auf dem Spiel steht, wenn diese Grenzen verschwinden. Die Hölle versucht beharrlich, alle Grenzen zu zerstören. Und der Hölle zu widerstehen bedeutet, dafür zu kämpfen, sie wieder aufzurichten.

 

Einer unserer verstorbenen Priester war ein etwas eigenwilliger Charakter. Er verteilte gern seine Visitenkarte mit folgender Aufschrift:

 

Fr. Camillus Barth, CP.

Im Dienst, die Hölle zu besiegen!

 

Als ich jünger war, musste ich über diese Worte grinsen. Heute läuft mir bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken.

 

So wie die Sonnenwende näher rückte, so kamen auch die Pforten der Hölle näher. Mein Arbeitsplatz ist unter Menschen, die unter äußerster Armut und brutaler Gewalt leiden. Es hat oft nicht den Anschein, als gebe es dort viel Licht. Das Licht ist sicher nicht in der niederschmetternden Realität zu finden, in der diese Menschen geboren werden und sterben. Aber es ist in ihren Augen und Herzen, und es leuchtet auf ganz verschiedene Art und bezeugt so die Herrschaft Gottes.

 

Zur Sonnenwende machte Joseph Dorvil einen verhängnisvollen Fehler, als er eine Abkürzung nahm, um seine Familie zu besuchen. Um sich 45 Minuten Fahrtzeit zu ersparen, fuhr er durch ein berüchtigtes Gebiet von Port-au-Prince, das uns und dem medizinischen Team unter dem Namen "New Road" wohl bekannt ist. Dort fand er auf grausame Weise einen gewaltsamen Tod. Noch grausamer war, dass er in seinem Auto der Verwesung überlassen wurde. Weder Polizei noch UN-Soldaten wollten in das Gebiet gehen. Joseph hatte an der berühmten amerikanischen Universität Notre Dame studiert. Er arbeitete in einem Missionskrankenhaus in Haiti an der Bekämpfung einer gefürchteten Krankheit, die durch Stechmücken übertragen wird. Er freute sich aus verschiedenen Gründen auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Dazu gehörte auch der Umstand, dass dies für ihn und seine Frau Cathy der erste Hochzeitstag war. Aber all das änderte sich bei dieser Sonnenwende, auf der Neuen Straße, in der Zeit größter Dunkelheit. Stattdessen verweste seine ungeborgene Leiche in der tropischen Sonne.

 

ich kannte Joseph nicht persönlich, aber ein Freund aus den Staaten, der seine Frau kannte, rief mich vier Tage nach seiner Ermordung an und bat mich, den Leichnam zu holen. Und so musste ich mich zu den Pforten der Hölle begeben. Ich kann nicht beschreiben, was das bedeutete. Seine Leiche war von seinen Mördern geholt worden und ins Gebüsch geworfen worden, wo sich Tiere an ihm zu schaffen gemacht hatten. Und so musste ich mit Menschen verhandeln, die wie Ratten sind, die ihre Seelen aufgegeben haben, um diesen Leichnam für seine verzweifelte Frau zu bergen, damit sie ihren Ehemann mit einem christlichen Begräbnis ehren konnte. Wir telefonierten täglich miteinander, während ich mein Möglichstes tat. Es gab so viele Hindernisse und Gefahren. Weihnachten und ihr Hochzeitstag rückten immer näher. Einmal sagte Cathy, es gäbe für sie kein besseres Weihnachtsgeschenk, als den Leichnam ihres Ehemannes zurückzubekommen. Das muss man sich einmal vorstellen! Stellen Sie sich diese Verzweiflung vor! Ich war auch verzweifelt in meinem Wunsch Cathy zu helfen. Ich verhandelte weiter mit diesen Leuten, mit diesen Killern, die die Leichen ihrer Opfer in Felsspalten werfen, nachdem sie ihnen alle Kleider ausgezogen haben, die noch irgendeinen Wert besitzen, und die durch diese desolaten Leichenfelder streifen. Das waren meine "Gesprächspartner". Das waren die Leute, denen ich versuchen musste, etwas von dem Begriff der Barmherzigkeit nahezubringen. Sie wollten Geld für die Leiche, Lösegeld für einen Toten. Und dann nahmen sie uns das Geldes einfach ab.

 

Während ich auf alle mögliche Weise versuchte, Josephs Leiche zurückzubekommen, ging meine Arbeit unter den Kranken weiter. Eines Morgens betete ich mit den etwa hundert Menschen, die gekommen waren, um sich von uns helfen zu lassen, für Cathy und die Herausgabe des Leichnams. Diese Menschen, die selbst so sehr an Tuberkulose und AIDS litten, waren erschüttert über Cathy und Josephs tragisches Schicksal. Sie fragten mich, ob ich ein Foto von Joseph besorgen könnte. Sie wollten selbst in den Felsspalten nach ihm suchen. Sie konnten Cathys Leiden verstehen, und sie wollten es nicht hinnehmen, ohne zu versuchen ihr zu helfen. Ich telefonierte kurz und bat jemand, Josephs Foto von der Website von Notre Dame herunterzuladen und 50 Kopien davon anzufertigen. Nach einer halben Stunde hatten wir die Fotos. Zum ersten Mal sah ich das Gesicht des Mannes, nach dem ich so sehr suchte.

 

Dann sah ich zu, wie sich diese todkranken Menschen aufstellten, um das Gebiet mit den Felsspalten zu durchkämmen. Eine Armee Halbtoter machte sich auf, gegen das Unrecht anzutreten, das schreckliche Unrecht einer trauernden Witwe und eines unbeerdigten Toten. Sie hätten sie sehen sollen, wie sie sich aufmachten, gegen die Hölle selbst anzukämpfen - ausgemergelt, um Atem ringend, auf Stöcke gestützt, die ihnen als Krücken dienten. Meine Augen füllten sich mit Tränen, während ich Gott fragte: Sind das die einzigen Menschen, die du hast, um gegen die Hölle zu kämpfen? Und tief in meinem Herzen vernahm ich die Antwort. "Ja, das SIND die Menschen. Das sind genau die richtigen Menschen. Diese gesegneten, wunderbaren Menschen." Angesichts der Größe ihrer Aufgabe scheinen sie klein wie Senfkörner. Aber angetrieben von Barmherzigkeit und Mitleid waren sie bereit, alles was sie an Leben noch in sich trugen einzusetzen, um Berge zu versetzen, aus Barmherzigkeit.

 

Es gelang uns nicht, Josephs Leichnam zu bergen, aber wir taten unser Bestes. Und unser Bestes war, der Hölle die Stirn zu bieten. Unser Bestes bedeutete, durch Barmherzigkeit gegen die Verrohung zu protestieren. Unser Bestes bedeutete, im Angesicht des Bösen zu verkündigen, dass es eine gottgegebene Ordnung für das Leben gibt, und dass man heilige Grenzen nicht niederreißen darf. Unser Bestes zeigte sich darin, dass Barmherzigkeit keine Furcht kennt, dass die Liebe stärker als der Tot ist, und dass es Menschen gibt, die selbst mit letzter Kraft versuchen, geschehenes Unrecht zumindest teilweise wieder gut zu machen.

 

Es gab noch weitere ebenso schreckliche Vorkommnisse, die die Wintermonate verdüsterten. Es wäre für mich ebenso schwer darüber zu schreiben, wie es schwer für Sie wäre, davon zu lesen. Aber sie alle bestätigen die gleiche Wahrheit: im Angesicht der selbstherrlichen und schrecklichen Machtdarstellung der Hölle tritt eine mächtige Kraft des Guten auf, die in der Lage ist, ihr zu widerstehen, und oft erscheint dieses Gute in einer äußerlich sehr schwachen Form. Diese Kraft des Guten wohnt in Ihnen wie in mir.

 

Dies ist die beste Woche, um über diese Wahrheiten nachzudenken. Heute beginnt die Heilige Woche. Das ist die Woche, in der ein äußerst grausamer Tod dem edelsten Menschen zugefügt wird, der je geboren wurde. Das ist die Woche, in der Christus in den direkten Kampf mit den Mächten des Bösen eintritt, ja an deren Ende er gar in die Tiefen der Hölle hinabsteigen wird. Das ist die Woche, in der die Macht des Guten angesichts des Bösen sehr schwach scheinen wird... zumindest bis zum Ende, an dem sie strahlend und ewig als Sieger hervorgeht. Aber das ist auch die Woche, wenn die Sonne wieder in unser Leben hineinscheint, den Beginn des Frühlings anzeigt und die Rückkehr ins Leben, mit neuem, wunderbaren Licht.

 

Wir sind aufgefordert, diese Mysterien in dieser Woche neu zu durchleben. Sie sind heute ebenso real wie vor zweitausend Jahren. Das Böse ist immer noch böse, aber das Gute ist immer noch so, so gut! Möge Gott uns die Barmherzigkeit und Güte in unseren Herzen lebendig erhalten und uns stärken in unserem Einsatz für unsere Brüder und Schwestern, die von den brutalen Schlägen des Lebens getroffen werden. Aber mögen wir auch alle die Segnungen und die Freuden des Osterfestes erfahren!

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