Honduras Kinder leben auf der Strasse
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Lateinamerika: Kinder flüchten vor Gewalt

Armut trotz Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren

Lateinamerikas wirtschaftlicher Aufschwung der letzten Jahre hat das Problem Armut nicht gelöst. Heute ist es mit dem Wachstum vorbei und die Armen sind in vielen Ländern Lateinamerikas noch ärmer als zuvor. Diese Aussichtslosigkeit zwingt Tausende Kinder und Jugendliche zu einer gefährlichen Reise. Sie versuchen, über die mexikanische Grenze in die USA zu gelangen. Auf der Suche nach ihren Eltern oder nach einem besseren Leben, droht die Gefahr, in die Fänge von Kriminellen zu geraten. Im Zielland wiederum droht die Abschiebung.

 

Die Massenproteste rund um die Fußball-WM in Brasilien haben eines deutlich gemacht: Selbst die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas hat massive soziale Probleme, vom wirtschaftlichen Aufschwung ist nichts mehr zu spüren. Bis auf wenige Ausnahmen wie Peru oder Mexiko kämpfen die Länder Lateinamerikas mit ernüchternden Wirtschaftsprognosen. Gründe sind einerseits sinkende Exportzahlen – vor allem nach China – und andererseits jahrelange Misswirtschaft, zu viel Konsum und zu wenig Investition in Infrastruktur und soziale Projekte.


Reinhart Köhler, Vorsitzender von nph international, lebt schon seit über 30 Jahren in Lateinamerika und kennt die Situation:

„Trotz des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre hat sich die Lage der Armen nicht verändert. Ganz im Gegenteil: Die Zahl jener, die in Armut leben, ist gewachsen und ein Teil der Mittelklasse in die Armut abgerutscht. In Honduras zum Beispiel hat sich die Zahl der Armen von 58 Prozent im Jahr 2009 auf 65 Prozent in 2013 erhöht.“

Die größten Verlierer sind die Kinder


Die Armut, das Fehlen von Perspektiven und die Hoffnungslosigkeit in den Ländern Lateinamerikas zwingen viele Eltern auszureisen, die meisten von ihnen in die USA. Doch in den letzten zwei Jahren ist die Migrationswelle dramatisch gestiegen. Am besorgniserregendsten ist, dass sich immer mehr Minderjährige allein auf die gefährliche Reise machen, entweder, um ihre Eltern zu suchen oder um auf eigene Faust ein besseres Leben zu beginnen. Sie setzen sich dem Risiko der gefährlichen Reise aus, um vor Armut und Gewalt zu flüchten. Doch was sie im Zielland erwartet, ist meistens keine bessere Zukunft, sondern die Abschiebung.

Rund 57.000 Kinder und Jugendliche wurden seit Oktober 2013 von den amerikanischen Behörden aufgegriffen und in Notunterkünfte gesteckt. Die hohe Zahl der Kinderflüchtlinge überfordert die Behörden zunehmend. In einer kürzlich vom UN-Flüchtlingshochkommissariat veröffentlichten Studie beschreibt ein Mädchen aus El Salvador die Gründe für ihre Flucht in die USA: „Ich bin hier, weil eine kriminelle Bande mich bedroht hat. Ein Mitglied dieser Bande „mochte“ mich. Ein anderes sagte meinem Onkel, dass mir dieser Mann Gewalt zufügen wird. Deshalb solle mein Onkel mich hier wegschaffen.“

„Viele Kinder schaffen es gar nicht bis an die Grenze zu den USA. Sie verdursten oder verhungern auf dem Weg dorthin“, beschreibt Heiko Seeger, Geschäftsführer von nph deutschland, die Situation.




Öffentliche Trauer über Opfer von Gewaltverbrechen - gesehen in Cuernavaca, Mexiko. © nph

Verlagerung des Problems


Die US-Regierung hat inzwischen eine Informationskampagne gestartet, um den Menschen in den mittelamerikanischen Staaten zu verdeutlichen, dass illegale Flüchtlinge in den USA nicht geduldet werden. Die Obama-Administration denkt über ein Pilotprojekt nach: Der Flüchtlingsstatus soll direkt in den Heimatländern überprüft werden. Bei einer Anerkennung soll das Kind direkt in die USA ausreisen dürfen. Doch das eigentliche Problem, die große Armut und die hohe Gewaltrate in vielen Ländern Lateinamerikas würden als Ursachen für die Flucht weiterhin bestehen bleiben. Solange sich diese Situation nicht ändert, werden auch weiterhin Tausende Kinder und Jugendliche ihr Heil in der Flucht in die USA suchen.

Was Kinder brauchen


nph mexiko hat vor einigen Jahren im grenznahen Gebiet zu den USA ein zweites Kinderdorf eingerichtet, die „Ciudad de los Niños“ (= Stadt der Kinder).

„nph arbeitet mit den lokalen Sozialbehörden zusammen. Wenn die Voraussetzungen für eine Aufnahme bei uns vorhanden sind, werden wir auch bei den Kinderflüchtlingen von Fall zu Fall prüfen, ob das Kind in eines unserer Kinderdörfer aufgenommen werden kann“, erklärt Seeger.

Die Rolle, die nph zukommt, ist es, Kinder von der gefährlichen Migration in die USA abzuhalten, indem sie in unseren Kinderdörfern ein sicheres Zuhause und die Chance auf eine bessere Zukunft finden. Während Kinder, die in gefährlichen Stadtvierteln leben, sich nicht frei bewegen können, können sie sich bei nph Tag und Nacht sicher fühlen.

„Am frühen Abend kann ich das Gelächter der Kinder hören, während sie draußen spielen. Hier können sie ihre Kindheit auch wirklich leben!“, beschreibt Reinhart Köhler das Leben im nph-Kinderdorf.

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