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Steht Haiti eine neue Katastrophe bevor?

Interview mit Markus Streit

Frage: Herr Streit, Haiti kommt nicht zur Ruhe. Erst das Erdbeben am 12. Januar 2010, dann der Ausbruch der Cholera und nun rast Hurrikan Tomas auf Haiti zu. Was berichten Ihre Mitarbeiter aus Haiti?

 

Streit: Die Lage in Haiti ist nach wie vor sehr angespannt. Unsere Mitarbeiter berichten inzwischen von 60 Cholerafällen in Port-au-Prince. Bislang scheint es den Ärzten gelungen zu sein, möglichst viele Infizierten zu behandeln und unter Quarantäne zu stellen. Deshalb ist eine großflächige Ausbreitung der Cholera verhindert worden. Unsere Mitarbeiter sind in der letzten Woche mehrmals in sieben der am stärksten betroffenen Regionen, insbesondere Saint Marc, Ester, Dauphine und Grand Saline gereist, um dort medizinische Nothilfe zu leisten. Sie hatten auch Medikamente, elektrolythaltige Getränke, Matratzen, sauberes Wasser und Nahrungsmittel dabei, um die Patienten und deren Angehörige zu versorgen. Unser nationaler Leiter in Haiti, Pater Richard Frechette, hilft nicht nur als Arzt, sondern leistet den Patienten auch seelischen Beistand. Das ist in solchen Notsituationen für die Menschen in Haiti sehr wichtig.

 

Frage: Wird Hurrikan Tomas auf Haiti treffen?

 

Streit: Nach Aussage des Nationalen Hurrikanzentrums in Miami zieht der Tropensturm Tomas derzeit mit Windgeschwindigkeiten von über 80 Kilometer pro Stunde in Richtung der Karibikinsel Hispaniola. Das Hurrikanzentrum geht davon aus, dass der Sturm nochmals an Kraft gewinnt und mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 150 Stundenkilometer auf die Dominikanische Republik und Haiti treffen wird. Auf den Inseln San Vincente, Martinique und St. Lukas hat der Hurrikan eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und mindestens zwölf Todesopfer gefordert.

 

Frage: Was kann passieren, wenn der Sturm auf Haiti trifft?

 

Streit: Das könnte katastrophale Auswirkungen haben, insbesondere für die rund 1,5 Millionen Menschen, die seit dem Erdbeben in Zeltlagern leben müssen. Die Zelte und das wenige Hab und Gut der Menschen würden vom Sturm weggeweht und manche Verstrebung könnte sich bei Windgeschwindigkeiten von über 150 Stundenkilometern zu tödlichen Wurfgeschossen verwandeln. Die haitianische Regierung hat die Bewohner der Zeltstädte aufgerufen die Zeltlager zu räumen und Unterschlupf bei Freunden und Verwandten zu suchen. Doch viele Zeltstadtbewohner haben niemanden, bei dem sie Schutz suchen könnten. Viele wollen auch ihre wenigen Habseligkeiten nicht unbeaufsichtigt lassen, deshalb werden sie in den Obdachlosenlagern ausharren.

 

Frage: Wie kann sich der Hurrikan auf eine mögliche Ausbreitung der Cholera auswirken?

 

Streit: Wenn der Sturm wirklich über Haiti und insbesondere Port-au-Prince hinwegfegt, ist die Gefahr einer großflächigen Ausbreitung der Cholera sehr groß. Das hängt damit zusammen, dass der Hurrikan von sinnflutartigen Regenfällen begleitet wird. In den Zeltstädten besteht dadurch die Gefahr, dass Fäkalien ins Trinkwasser gelangen und auch dort Menschen an der Cholera erkranken. Weil Menschen hier auf engstem Raum zusammenleben, würde sich die Infektionskrankheit vermutlich sehr schnell ausbreiten. Pater Richard hat uns inzwischen bestätigt, dass das Cholerabakterium, das in Haiti aufgetaucht ist, bei Patienten innerhalb weniger Stunden zum Tod führen kann. Die Menschen trocknen innerlich aus, weil sie sehr viel Flüssigkeit durch Durchfall und Erbrechen verlieren.

 

Frage: Wie bereitet sich Ihre Hilfsorganisation auf ein Ausbreiten der Cholera und den Hurrikan Tomas vor?

 

Streit: Wichtig ist uns zunächst einmal, die Patienten und Kinder in unseren eigenen Einrichtungen vor der Cholera zu schützen. Deshalb hat Pater Richard damit begonnen ein Feldhospital für Cholerakranke auf einem separaten Grundstück neben unserem Kinderkrankenhaus ?St. Damien? und dem Familienkrankenhaus ?St. Lukas? einzurichten, um das Risiko einer Ansteckung möglichst gering zu halten. Insgesamt sollen 15 Zelte auf unserem Gelände aufgebaut werden, in denen 300 Cholerapatienten Platz finden würden. Vier Zelte wurden bereits aufgestellt und mit Betten ausgestattet. Wenn erforderlich, könnten wir die Kapazitäten weiter ausbauen. Mit ?Ärzten ohne Grenzen?, die in unserer Nachbarschaft ein Feldlazarett eingerichtet haben, wurde vereinbart, dass die von uns diagnostizierten Cholerapatienten zunächst bei ihnen behandelt werden und erst wenn deren Kapazitäten überschritten sind, bei uns Patienten aufgenommen werden. Das ist eine effiziente und gute Zusammenarbeit.

 

Frage: Was ist jetzt für die Menschen in Haiti am Notwendigsten?

 

Streit: Wenn Hurrikan Tomas wirklich über Haiti fegt und zur Ausbreitung der Cholera führen sollte, werden an erster Stelle medizinisch geschultes Personal und Medikamente und sauberes Trinkwasser benötigt. Unsere Kollegen haben schon damit begonnen ihre Bestände an Medikamenten wieder aufzufüllen. Auch wir aus dem deutschen Förderbüro leisten hier einen Beitrag. Dann werden die Menschen Zelte, sauberes Wasser und Nahrungsmittel benötigen, damit sie überleben können. Auch hier sind wir als Hilfsorganisation gefordert.

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