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Siebzehn Schritte oder Die Freude der Auferstehung

Ein schlafendes Kind wird zum Symbol der Hoffnung in einem Land, in dem die Verzweiflung allgegenwärtig ist.

Von der Waschmaschine zum Therapieraum sind es nur siebzehn Schritte; nur siebzehn Schritte, und wenn man dann noch den Kopf mit allem Möglichen voll hat, sollte man eigentlich meinen, dass man diese Schritte geht, ohne besonders viel wahrzunehmen. Aber nun möchte ich Ihnen erzählen, wie sich in diesen siebzehn Schritten meine ganze Ostererfahrung zusammenfassen läßt. Wie ist so etwas möglich?

 

Nun, zwischen der Waschmaschine und dem Therapieraum liegt der große Schlafsaal, und als ich ihn durchquerte, fiel mein Blick auf Olsen. Er machte gerade ein Nickerchen auf seinem Bett, und für ein paar Sekunden öffnete er die Augen, und ich dachte, er würde aufwachen. Ich ging zu ihm hin, um seine Decke zurecht zu rücken, und ging dann weiter zur Waschmaschine.

 

Auf dem Weg zurück bemerkte ich, dass er wieder fest eingeschlafen war. Fasziniert blieb ich stehen und betrachtete ihn, wie er so friedlich, so entspannt, so zufrieden da lag, ein vollkommener Gegensatz zu dem Zustand, in dem sich dieses Land befindet. Hier schläft er tief und fest in seinem kleinen Bettchen, und er weiß, dass er sicher und geborgen ist. Er sieht aus wie ein Engel, jedenfalls wie ich mir einen kindlichen Engel vorstelle; lang ausgestreckt und völlig entspannt.

 

Am Fuße des Berges, in der drückenden Hitze von Port-au-Prince, kennen viele Kinder in seinem Alter nur Hunger und Elend. Viele Kinder mit seiner Krankheit sind entweder schon daran gestorben oder liegen irgendwo herum, mit einem Kopf so groß wie ein Basketball, und für sie gibt es nur Leiden und Schmerzen. Für sie gibt es nur Karfreitag und eine Welt ohne Hoffnung.

 

Olsen ist der lebende Beweis dafür, dass es eine Auferstehung gibt. Dieser kleine Junge, mit einer Missbildung geboren und von seiner Mutter verlassen, schien mit seinem Wasserkopf und den fehlenden medizinischen Einrichtungen in seinem Land einem schnellen Tod geweiht. Seine ersten Lebensjahre müssen wie die Kreuzigung gewesen sein.

 

Wer mit Olsen zu tun hat, kennt ihn als einen erstaunlich fröhlichen kleinen Jungen, voller Liebe und Lachen und mit Musik in seinem Herzen. Er war in der Dunkelheit der Hölle und ist ans Licht gekommen. Nun ist er ein Licht für uns alle, wie er mit seinem fröhlichen Wesen und seiner Zärtlichkeit unser Leben erhellt.

 

Ich bin jemand, der gern nach Beispielen des auferstandenen Christus in seinem Alltagsleben sucht. Das Leiden Christi ist hier in Haiti so leicht zu finden. Auf Schritt und Tritt begegnet man Jesus auf dem Weg nach Golgatha. Die Hilferufe des haitianischen Volkes sind Schreie des leidenden Christus, als er sich von seinen Freunden und seinem Vater im Stich gelassen fühlte. Man könnte so leicht glauben, dass es keine Auferstehung gab. Es wäre so einfach zu glauben, dass es hier in Haiti nur Dunkelheit gebe.

 

Siebzehn Schritte, das ist nicht weit. Ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich irgendwo in Kay Christine losgehen und siebzehn Schritte in eine beliebige Richtung tun kann, und jedes Mal werde ich den auferstandenen Christus finden. Jedes Mal werde ich einen lebendigen Zeugen dafür finden, wie das Licht die Dunkelheit überwindet.

 

Uns ist gesagt, dass wir den Lebendigen nicht bei den Toten suchen sollen. Jesus ist vor vielen, vielen Jahren von den Toten auferstanden. Die Herausforderung für uns heute besteht darin, dass wir diese Auferstehung lebendig erhalten, wo immer wir uns auch befinden; wo immer wir ein Licht entzünden können, müssen wir das tun; aber zunächst müssen wir glauben. Glauben, dass Gott die Auferstehung für jedes Leben möchte. Glauben, dass er durch uns arbeiten möchte, damit das möglich wird.

 

Siebzehn Schritte und eine Menge Gedanken. Olsen schläft selig weiter und ahnt nicht, wie er mich inspiriert hat.

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