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Schwester Phyllis Kelleher

Leiterin von Casa Asis

Der folgende Artikel erschien in einer nicaraguanischen Zeitung. Er wurde verfasst von Carlos Salinas und von Melvin Gomes ins Englische übersetzt.

 

Das Telefon klingelt und durchbricht die abendliche Stille an jenem 21. Januar 2002. "Kann ich bitte mit Schwester Phyllis sprechen", sagt eine atemlose männliche Stimme. Es ist Herr Rene, der Chauffeur und Leiter der Hilfskräfte von Casa Asis. "Guten Abend, Schwester Phyllis, wie geht es Ihnen? Ich rufe an, weil ich aus dem Haus nebenan Geräusche gehört habe, wie von einer kleinen Katze... Aber es kam mir komisch vor, und so habe ich meine Frau rübergeschickt, um mal nachzusehen. Es stellte sich heraus, das die Geräusche von einem kleinen Jungen kamen, kaum größer als meine Hand. Wir fanden ihn neben seiner unterernährten Mutter. Was sollen wir jetzt machen, Schwester?" Überrascht von dem, was sie gerade gehört hat, bittet Schwester Phyllis darum, dass sie jemand zu Herrn Renes Haus bringt. Dort sieht sie den kleinen Pepito zum ersten Mal, ein Säugling, der am Weihnachtsabend in einer Hütte mit Wänden aus Plastik zur Welt gekommen ist, in einem ärmlichen Vorstadtviertel von San Jorge. Der Anblick, der sich ihr bietet, ist herzzerreißend: Die Frau starrt reglos an die Decke aus Plastik, dem Tode nahe vor Hunger und Unterernährung, und neben ihr das Baby, dem sie nicht helfen kann. Es hat Schwierigkeiten beim Atmen. Da trifft Schwester Phyllis eine Entscheidung. Sie nimmt den kleinen Pepito mit zu UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN, wo sie alles daransetzen wird, um das Leben des Jungen zu retten. Ein Leben zu retten, das gerade erst begonnen hat und später eine traurige Wendung nehmen sollte. Denn später hat Schwester Phyllis den Kontakt zu der Mutter verloren. Sie hat bereits eine Beziehung zu einem anderen Mann angefangen und will mit ihrem Kind nichts mehr zu tun haben. "Pepito war so groß wie mein Zeigefinger", erinnert sich Schwester Phyllis mit einem Lächeln.

 

Schwester Phyllis ist 1937 in Montana geboren, ein Gebiet, das für seine bergige und bewaldete Landschaft bekannt ist. Dieser amerikanische Bundesstaat ist dreimal so groß wie Nicaragua, hat aber nur ein Fünftel an Einwohnern. Schwester Phyllis ist wie eine liebevolle Großmutter, der es nichts ausmacht, ihre Enkelkinder stundenlang auf dem Schoß sitzen zu haben. Sie ist zierlich und hat himmelblaue Augen. Keiner der sie kennt, kann sich an einen Tag erinnern, an dem sie nicht gelächelt hat. Schwester Phyllis bewegt sich bedächtig, behält alles im Auge, und ihr entgeht nichts. Sie ist so gut organisiert wie das Heim, das sie leitet, und zugleich voller Liebe für ihre Kinder. Immer wenn sie einem ihrer Kinder begegnet, grüßt sie es mit Namen, beugt sich zu ihm herab und küßt es.

 

In diesem Heim ist die Liebe nicht an eine bestimmte Sprache gebunden. Manchmal sagen die Kinder liebevolle Dinge zu ihr, die sie nicht versteht. Aber ihr macht das nichts aus, denn sie findet immer einen Weg, mit den Kindern zu kommunizieren. Und schließlich, wenn sie einmal die Klassenzimmer besucht, wo die Jungen Englisch, Mathematik oder Lesen lernen, hört man die Kinder auf Englisch sagen: "Hello Sister, how are you?". Manchmal stiften die begrenzten Spanischkenntnisse der Schwester auch Verwirrung. Einmal, als sie gerade sehr beschäftigt war mit ihren vielfätigen Aufgaben im Heim, spürte sie, wie sie jemand am Rock zupfte. Eines der Kinder sah sie vorwurfsvoll an. "Hörst du nicht zu, was ich sage? Ich rede mit dir!" Schwester Phyllis lächelte das Kind freundlich an. Sie hatte überhaupt nicht verstanden, was der Junge ihr hatte sagen wollen.

 

Schwester Phyllis wuchs auf einer Farm im Mittleren Westen der USA auf. Dort entwickelte sie auch ihre Liebe zur Natur. Als sie 18 Jahre alt war, trat sie mit der Unterstützung ihrer katholischen Familie in den Orden der Dominikanischen Schwestern in Tacoma, Washington, ein. An der Universität von Washington wuchs ihre Liebe zur Naturwissenschaft, und später begann sie zu unterrichten. "Ich war gern Lehrerin, besonders im Fach Biologie", erklärte Schwester Phyllis. Ihr ganz Leben lang setzte sie sich für die Rechte der Farmer und Einwanderer im Westen der USA ein, für gleiche Rechte und eine gleiche Behandlung nach dem Motto "Gerechtigkeit und Gleichheit sind besser als Wohltätigkeit".

 

In den 60ger Jahren hörte sie von einem Projekt in Mexiko für verwaiste und verlassene Kinder. Sie packte ihre Koffer und fuhr los, bis sie vor dem Tor des Waisenhaus ankam. So kam sie zu UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN. Sie wusste, dass sie viel Liebe zu geben hatte. Es würde noch fast 20 Jahre dauern, bis sie nach Nicaragua kam.

 

Im Jahr 1979, nachdem der Sieg der Sandinistischen Revolution die Geschichte dieses Landes verändert hatte, kam sie, bereit für die Veränderung mitzukämpfen und sich für die Rechte der Armen einzusetzen. Während ihres Aufenthaltes arbeitete sie als Leiterin einer Kindertagesstätte in der Nähe von Managua, wo Kinder betreut wurden, während ihre Mütter in einer Textilkooperative arbeiteten. Sie blieb für ein paar Jahre in Nicaragua, und in dieser Zeit verliebte sie sich in das Land. "Die Wärme seiner Kultur und seiner Menschen hat bewirkt, dass ich mich in Nicaragua verliebt habe. Es ist ein sehr armes Land, und es braucht viel Hilfe."

 

Als sie sich entschloss, nach Nicaragua zurückzukehren, sollte es für immer sein. Padre Wasson, der Gründer von UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN, erzählte ihr von seinen Plänen, ein Heim in Nicaragua aufzubauen. Er bat sie, dabei mitzuarbeiten. So gab es im Jahre 1995 für Schwester Phyllis Kelleher wieder ein Schild "Willkommen in Nicaragua". Seither lebt sie umgeben von Kindern und von freiwilligen Mitarbeitern, die wie sie, nicht lange über Gründen zu helfen nachdenken mussten.

 

Casa Asis ist das Haus für die jüngsten Bewohner des Kinderdorfes von NPH Nicaragua. Es ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen und der Suche nach Unterstützung. Viele der Einrichtungsgegenstände sind Spenden ausländischer Organisationen, aber auch von Einzelpersonen, die von diesem Projekt erfahren haben und in dieses Land gekommen sind, um mitzuhelfen. Das Haus liegt am Rande von San Jorge, auf einem schönen und ebenen Grundstück am Ufer des smaragdgrünen Nicaragua-Sees.

 

Schwester Phyllis ist immer schwungvoll, gutgelaunt und voller Energie, wenn sie sich durch die vier Korridore bewegt, die das Haus durchziehen. In diesen Gängen stehen kleine Tische und Stühle, an denen die Kinder auch essen, aber auch Schaukelstühle für die älteren Kinder. Die Kinder haben eine großen grünen Innenhof voller Bäume, wo sie sich richtig austoben können. Es gibt Schaukeln, Wippen und Kletterstangen und einen Sandkasten in einem überdachten Bereich, in dem sie spielen können, ohne der prallen Sonne oder dem Regen ausgesetzt zu sein. Aber damit hört es noch nicht auf. Das Haus hat zwei ausgeklügelte Wasserversorgungssysteme. Das eine System arbeitet mit Solarenergie zur Wassererhitzung für die Küche, damit das Geschirr das ganze Jahr über sterilisiert werde kann. Das andere System sorgt für die Filterung des Wassers durch Kohlefilter und ultraviolette Strahlen, und durch ein System von Wasserleitungen erhalten alle Gebäude frisches Wasser. In der Küche gibt es einen Kühlraum, in dem Obst und Gemüse frisch gehalten werden. Er ist von einem Boing-Ingenieur geplant, eingebaut und finanziert worden. An einer Seite des Hauses befindet sich ein Bauernhof mit Hühnern, Schweinen, Puten und Gänsen. Außerdem gibt es noch einen Gemüsegarten und ein Boot zum Fischen im See. Damit wird versucht, den Bedarf an Lebensmitteln möglichst aus eigenen Mitteln zu decken.

 

Eine Träne schimmert in den sonst so fröhlichen Augen von Schwester Phyllis, und ihre Stimme beginnt zu zittern, als wir das Gespräch fortsetzen. Sie spricht nicht gern darüber, dass sie im kommenden Januar Nicaragua verlassen und in die USA zurückkehren wird. Langsam schaukelt sie in ihrem Schaukelstuhl und heftet den Blick auf das rote Licht an unserem Aufnahmegerät. Sie fährt sich mit der Hand über die Wange, um eine weitere verstohlene Träne abzuwischen. Kann es sein, dass die Kinder spüren, wenn sie traurig ist? Die kleine Maria Del Carmen, mit lustigen Zöpfchen, im hellblauen ärmellosen Kleidchen und Sandalen, kommt zu schwester Phyllis und gibt ihr einen Kuss. "Das ist das hübscheste Mädchen auf der ganzen Welt", sagt die Nonne, während sie das Kind an sich drückt. Das Mädchen lacht vor Freude und Glück. "Es ist eine schwere Entscheidung", gibt sie zu, und dann, nach einer Weile: "Ich habe Arthritis; mein Alter hat mich eingeholt." Schwester Phyllis ist jetzt 67 Jahre alt. "Ich kam in einem Karren an, weil es keine andere Möglichkeit gab. ich brachte zweitausend Dollar mit, von denen ich vier Kühe anschaffte... und nun schauen Sie sich hier um", dabei deutete sie auf das Haus, und eine weitere Träne stiehlt sich in ihre Augen. Sie weiß, dass ihre Mission erfüllt ist.

 

Wenn sie das Haus im Januar verlässt, wird sie es in die Hände einer Nicaraguanerin übergeben, die eine Zeit in den USA gelebt hat und deren Ehemann aus Costa Rica ebenfalls mit UNSERE KLEINE BRÜDER UND SCHWESTERN zusammenarbeiten wird. Gemeinsam mit ihrem Sohn wollen sie ihr bequemes Leben in den USA aufgegeben, um hier für das Waisenhaus zu arbeiten. Natürlich sind sie nicht auf sich allein gestellt; das Heim hat 37 vollzeitliche Mitarbeiter, die sich mit ganzer Kraft für die Kinder einsetzen. Das ist ein tröstlicher Gedanke für Schwester Phyllis. "Wenn ich fortgehe, werde ich auch weiterhin meine Kraft für NPH Nicaragua einsetzen. Ich werde mich um Spenden in Form von Kleidung, Lebensmitteln, Geld und Büchern bemühen. Ich werde bei verschiedenen Organisationen Vorträge halten und sie an meiner Hoffnung für dieses Land teilhaben lassen", erklärt Schwester Phyllis. Ihre Hoffnung lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: "meine Kinder".

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