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Aktuell

Pater Richard Frechette berichtet aus Haiti

Nationaler Leiter schildert persönliche Eindrücke

Hallo Freunde,

Die Cholera-Fälle haben sich innerhalb der letzten Woche verdoppelt; von circa 2.300 letzte Woche auf über 4.600 bis gestern.

Viele der Opfer sehen wir nur, weil wir uns alle Mühe geben, zu helfen ? wie ich bereits erzählt habe - gehen wir nach Artibonite und leisten dort Hilfe. In dieser Woche sind wir an sieben verschiedenen Orten gewesen, mehrfach in St. Marc, in Ester und Dauphine. Aber einer der trostlosesten Plätze, die wir gesehen haben, ist Grand Saline. Die Menschen dort sind sehr arm und sehr freundlich. Es scheint als lebten sie am Ende der Welt. Wir konnten nur mit dem Helikopter dorthin gelangen und verließen den Ort mit dem Boot. Wenn ich sage ?mit dem Boot?, dann meine ich damit, nachts auf das offene Meer hinaus zu fahren, in einem kleinen Motorboot, ohne Schwimmwesten, ohne Riemen, ohne Licht. Die Fahrt beginnt in der Mündung des verschmutzten Artibonite Flusses, der voll von Cholera ist.

Die Menschen trinken Wasser direkt aus dem Fluss, denn sie haben gar keine andere Wahl. Es gibt kein anderes Wasser. Unsere Freunde von Operation Blessing (eine Hilfsorganisation aus den USA, Anm. d.Üb.) haben im Fluss mehrere generatorenbetriebene Filter eingesetzt damit die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen.

Wie ich bereits berichtet habe, verteilen wir auf unseren Touren Betten, Matratzen, Infusionen, Wasser, elektrolythaltige Getränke und auch etwas Nahrung. Häufig verteilen wir nur Kleinigkeiten, denn die Meisten können nicht viel zu sich nehmen, da Krämpfe und Erbrechen einen großen Teil der Krankheit ausmachen.

Mittlerweile gibt es Fälle von Cholera auch in unserer Nähe, hier, in Port-au-Prince. Es scheint, als ob jene, die sterben müssen, schnell sterben. Sie tragen so viele Bakterien in sich, dass sie durch Durchfall schneller Flüssigkeit verlieren, als dass irgendjemand auch nur damit beginnen könnte, ihnen Flüssigkeit nachzureichen. Der Großteil der Menschen übersteht es, unter Anstrengungen zwar, doch erfolgreich. Noch wissen wir von nur wenigen Fällen hier in Port-au-Prince, aber nur einen kleinen Fußmarsch entfernt, bei den Ärzte ohne Grenzen, hat es bereits 40 Erkrankungen gegeben.

Wir haben einen gut strukturierten Plan für den Fall eines großen Cholera-Ausbruchs in Port-au-Prince, der so ausgearbeitet ist, dass weder das Kinderkrankenhaus (St. Damien) noch das Familienkrankenhaus (St. Luke) in ihrer Funktion eingeschränkt werden würden, geschweige denn einer Ansteckungsgefahr ausgesetzt wären.

Neben dem St. Luke Krankenhaus haben wir eine Fläche von circa 8.100 m² mit Kies bedeckt und darauf bisher vier von insgesamt 15 geplanten großen Zelten aufgebaut, in denen wir Cholera-Patienten aufnehmen können. Wir haben eine Diarrhöe-Ambulanz eingerichtet, in der unsere Mitarbeiter jeden, der unter Durchfall leidet, untersuchen werden. So müssen sie weder St. Damien- noch St. Luke-Gelände betreten. Sollte nach der Untersuchung eine Cholera-Erkrankung vermutet werden, bringen wir die Patienten zum Cholera-Zentrum von Ärzte ohne Grenzen. Sobald deren Kapazität von 250 Betten ausgeschöpft ist, werden wir Patienten in unseren Zelten aufnehmen. Wir haben Raum für ungefähr 300 Menschen.

Wir haben die Abläufe rund um Transportwege, das Händewaschen, die Toiletten und Mahlzeiten geplant, um die Ausbreitung der Krankheit zu minimieren. Manuel Castro, unser Oberarzt aus Kuba, den wir aus den Trümmern unseres alten Krankenhauses in Petionville gerettet haben, arbeitete in Afrika als ein Ausbruch von Cholera ihm und seinen Mitarbeitern 6.000 Patienten innerhalb von vier Tagen bescherte. Er hilft uns großzügig und unterweist uns. Nach dem Erdbeben vom 12. Januar flogen wir ihn mit gebrochenen Gliedmaßen zurück nach Kuba. Aber vor ein paar Monaten, als seine Wunden verheilt waren, kam er zu uns zurück. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass er schon über siebzig Jahre alt ist. Ihr solltet einmal hören, wie er die Geschichte erzählt, dass Gott einen Schaukelstuhl benutzte um sein Leben zu retten als das Krankenhaus über ihm zusammenbrach. Oder die Geschichte, wie Norma die kubanische Botschaft überredete, ihn nach Kuba auszufliegen als Kuba sich aus allem heraushalten wollte. Aber ich schweife ab. Wir sind fast bereit für eine Cholera-Epidemie; doch lasst uns beten, dass es nicht soweit kommt.

Als wäre dies alles nicht bereits genug, habt ihr vielleicht gesehen, dass der Hurrikan Tomas direkten Kurs auf uns hält. Ab Dienstag werden wir starken Wind und Regenfälle haben, am Freitag soll es uns dann mit voller Wucht erreichen. Wenn ihr bei Google ?Hurrikan Tomas? eingebt ? zumindest nach der Voraussage von heute Abend ? könnt ihr sehen, wie der Hurrikan von seinem Weg abkommt, sich in einem scharfen 90° Winkel nach Norden und somit in Richtung Les Cayes und Port-au-Prince bewegt. Ich versuche, dem etwas Gutes abzugewinnen und frage mich ob der Regen die Cholera aus den Flüssen und aus der Stadt spülen wird. Aber beim Gedanken, wie es wohl für die Millionen Menschen ausgeht, die in leichten Zelten leben und deren spärliche Habe zu 140 km/h-schnell fliegenden Geschossen werden wird, ist mir elend zumute.

Wir machen unsere Einrichtungen wetterfest, decken Fenster ab (Hunderte von Fenstern) und werden die Kinder aus St. Louis und die Patienten aus St. Luke zur Sicherheit nach Francisville bringen. Wir befüllen Sandsäcke, um an den Toren die Fluten aufzuhalten, und stocken unsere Vorräte und Trinkwasserreserven auf.

Es ist schwer in diesem Land, einfach nur seiner täglichen Arbeit nachzugehen. Zusätzlich gibt es immer ernstzunehmende Umstände, mit denen wir uns arrangieren müssen.

Bitte schließt uns weiterhin in eure Gebete ein. Wir sind beschwerlichen Situationen ausgesetzt, die viel von uns abverlangen. Lasst uns beten, dass Tomas hinaus aufs Meer wirbelt, wo er niemandem Schaden zufügen kann, und dass die Cholera-Welle verebbt.

Dann können wir uns wieder an die Arbeit machen und den Menschen auf ihrem Weg aus der Armut behilflich sein.

Danke für alle eure Ermutigungen, eure Gebete und für die Spenden, die eine große Hilfe sind.

Gott segne euch!

Fr Rick Frechette cp

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