Dranbleiben: der nph Newsletter

Aktuelles aus den nph-Kinderdörfern und Projekten.

Mitteilung von Pater Rick: Sturm Isaac

Aus Tabarre, Haiti

?Wer bist du, um so zu einem Regenbogen zu sprechen??

 

 

Das sind natürlich eigenartige Worte, und ich bin der erste, der das zugibt. In ein paar Minuten werden sie bereits mehr Sinn machen.

 

Gewitterwolken sind nie ein gutes Zeichen für ein Land, das am Rande des Abgrunds steht. Auch Supermächte bereiten sich auf Superstürme vor, und wie wir bereits gesehen haben, oft sogar vergebens. Was können wir angesichts monströser Naturgewalten unternehmen?

 

Stürme bringen offensichtliche Probleme mit sich: Überschwemmungen, Schlamm und Obdachlosigkeit, umfallende Bäume, die Menschen erschlagen und Häuser zerschmettern und Gegenstände, die - von heftigen Windböen getragen - Zerstörung bringen. Das haben wir gestern wieder gesehen.

 

Weniger offensichtliche Probleme sind die Schwächung der Infrastrukturen, wie unsere eigenen Krankenhäuser - wenn es niemand mehr zur Arbeit schafft, wenn der Strom ausfällt und die Kranken triefnass sind und vor Kälte zittern, weil die Gebäude, die zum Schutz gegen die Hitze und die von oben brennende Sonne errichtet wurden, vor dem seitlich kommenden und von Sturmböen gepeitschten Regen nicht schützen können.

 

Ich denke gerade an Pater Francilome, der gestern nach einem schrecklichen Autounfall in einem reißenden Sturzbach bereits im Koma zu uns gebracht wurde. Er kam für eine Computertomographie seines Kopfes, um danach in ein privates Krankenhaus mit Neurologen und Neurochirurgen überführt zu werden. Es erschien mir lächerlich, wie wir ihm unter den gestrigen Bedingungen vor dem Sturm, der ihn so schwer verletzt hatte, kaum Schutz bieten konnten.

 

?Lasset uns beten!? Seine unverkennbaren Worte, nun weit entfernt von seinen schweigenden Lippen, sind nun unsere Worte für ihn. Lasst sie uns aus tiefstem Herzen sprechen!

 

Und noch weniger offensichtlich - und trotzdem von den Stürmen des Lebens herbeigeführt - ist die Verinnerlichung des Sturmchaos. Wir Menschen absorbieren es. Wir nehmen es in uns auf. Manche begrüßen es traurig als ?Zuhause", als ?Status quo", der sich niemals ändern wird. Schicksal. Sturmschäden sind also auch seelischer und emotioneller Natur.

 

Der nahegelegene Fluss steigt durch die Regenfälle in den Bergen weiter und weiter an und schneidet sich auf seinem Weg tiefer und tiefer in die Landschaft ein, weil er viel mehr Wasser führen muss, als er zu bewältigen in der Lage ist. In den Bergen regnet es ganze Seen an Wasser, und diese Seen suchen ihren Weg ins Meer.

 

Der Fluss ist so schnell und reißend, dass sogar der beste Schwimmer oder Spitzensportler, wenn er hineinfällt, verloren ist und dem Tod nicht mehr entrinnen kann. An den Ufern des Flusses stehen Hunderte Bewohner einer Zeltstadt mit offenem Mund erneut vor einer unvorstellbaren Zerstörungskraft, nehmen das Bild in sich auf und versuchen, während sie ihre Kinder umklammern, Pläne für die Flucht zu schmieden. Flucht wohin? Mit wessen Unterstützung?

 

Wenn es Antworten auf diese Fragen gäbe, stünden sie nicht an diesem Flussufer, fast drei Jahre nach dem Erdbeben, das ihnen ihre Lebensexistenz geraubt hat. Zu welchen emotionellen und seelischen Entbehrungen führen die Tragödien in diesem Sturm?

 

Oder denken Sie an die Kinder in den Waisenhäusern und die Hunderte Waisenhäuser im ganzen Land! Junge Geister und junge Herzen mit verletzten Gefühlen und verwundeter Seele - auf Grund so zahlreicher tragischer Ereignisse in so jungen Jahren - geschützt in einem Gebäude und doch auf der Flucht vor einer weiteren, schrecklichen Fügung des Schicksals.

 

Und was bewirken Stürme in Menschen wie Ihnen und mir? Wir sind die Helfer und nur oft genug - auf Grund unserer eigenen Probleme und Sorgen - beeinträchtigte Helfer.

 

Wie großen Belastungen können wir standhalten, bevor wir uns in Zyniker verwandeln, bevor wir nicht mehr hören wollen, bevor wir aufhören, uns zu sorgen?

 

Es ist zu erwarten, dass so etwas passieren kann.

 

Aber sagen wir nicht, so etwas wäre normal.

Wir dürfen niemals sagen, so etwas wäre normal.

Es kann nämlich nie normal sein, wenn ein Mensch aufhört, sich um einen anderen Menschen zu sorgen.

 

 

Ich habe meine Runde zu allen unseren Einrichtungen und Projekten gestern um 4 Uhr morgens begonnen, trotz des noch immer wütenden Windes und Regens. Um fünf Uhr morgens kamen ein paar Polizisten zum St. Damien Hospital, gerade als ich vom St. Luke Hospital zurückkam und mich auf den Weg in den Stadtteil Cité Soleil machen wollte. Das Polizeiauto näherte sich stotternd, das Warnlicht blinkte nur schwach. Heraus stürzte eine schreiende Frau. Sie brach im Eingangsbereich des Krankenhauses zusammen, fiel auf ihre Knie und legte ihren Kopf auf einen Stuhl.

 

Ich rannte um die einzige Hilfe in der Nähe, ein sauberes, weißes Handtuch aus meinem Büro zu holen, denn ich sah, sie war kurz davor, ein Kind zur Welt zu bringen. Ich ergriff das Baby von hinten, wickelte es in das Handtuch, säuberte unseren neugeborenen Bruder und brachte ihn zum Schreien.

 

Als ich ihn so hielt - auf den Knien hinter seiner zusammengekauerten Mutter, einer Frau aus einer armseligen Zeltstadt, die gerade eben, während eines Hurrikans, blutverschmiert ihr Kind in der Öffentlichkeit zur Welt bringen musste - wurde mir bewusst, dass meine Arme die allerersten waren, die das Baby hielten.

 

Keiner von uns war imstande, sich zu bewegen, bis Hilfe kam, um die Nabelschnur zu durchtrennen und uns aus dieser bizarren Situation zu befreien. Es war einer dieser Momente, in denen uns das Leben absurd, grausam und sinnlos erscheint. Ich schaute in den Sturm hinaus und war mir vollkommen im Klaren darüber, welchen Lebensbedingungen dieses Baby in nur wenigen Stunden ausgesetzt sein würde, und sagte mit zynischem Unterton: ?Viel Glück, Kleiner!"

 

Plötzlich fühlte ich die mächtige Gegenwart jener gütigen Kräfte, die all diejenigen leiten, die sich in ihrem Leben von derartigen Kräften führen lassen. Diejenigen, die wissen, was es bedeutet, den Glauben zu leben, verstehen was ich meine. Ich wurde dazu gebracht einzusehen, dass mein Zynismus hier fehl am Platze war, dass er für mich gefährlich war, für meinen eigenen Weg und für das kleine Kind in meinen Armen. Die gütigen Kräfte fragten mich, ob ich mir sicher war, was ich da gerade gesagt habe. Nicht etwa, dass ich eine Stimme gehört habe. Nein. Doch ich fühlte mich in die Schranken gewiesen und spürte, wie sich in mir die Frage auftat, ?Wer bist du, um so zu einem Regenbogen zu sprechen??

 

Noah wurde als Zeichen ein Regenbogen gesandt, das Zeichen des Widerspruches gegen die Zerstörungskraft des Sturmes. Mir wurde ein Kind als Zeichen gesendet. Ja, wer bin ich, um so voller Arroganz und Zynismus zu sprechen?

 

So betete ich - zu Recht und voller Dankbarkeit zur Einsicht gebracht - dieses Gebet für den kleinen Regenbogen in meinen Armen: ?Ich wünsche dir, dass du mit mindestens halb so viel Liebe und Stärke gesegnet sein wirst, wie ich in meinem Leben erfahren durfte. Sei willkommen in unserer Welt, die manchmal ein bisschen schroff sein kann, aber trotzdem ein schöner Platz ist."

 

Es besteht kein Zweifel, dass es im Leben Stürme und Wolken gibt. Es besteht aber ebenso wenig Zweifel daran, dass darauf auch immer wieder Lichtblicke folgen. Glücklicherweise können wir überall Zeichen sehen, die uns Mut geben und uns dabei helfen, die Arbeit, die Gott jedem von uns aufgetragen hat, noch schneller und besser zu erledigen.

 

Pater Rick Frechette

Port-au-Prince

26. August 2012

Nach oben

Jetzt spenden!

Hilfe für Kinder in Lateinamerika
  • jede Spende kommt an
  • nph ist geprüft und empfohlen vom DZI
  • sicheres Spenden mit SSL-Verschlüsselung
1_gesundheit_300x250.gif