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Karfreitag

Voodoo und die Passion Jesu Christi

"Du kannst während der Gebetszeiten keinen Anruf auf dem Handy entgegennehmen," sagte ich zu mir selbst, "schon gar nicht in der Sterbestunde Christi."

 

"Aber das ist wahrscheinlich ein Notfall, und du bist nicht nur Priester, sondern auch Arzt!"

 

"Nein, es ist nicht richtig. Geh nicht dran."

 

Immer wenn ich mit mir selbst rede, ist das Gespräch recht lebhaft.

 

Das Handy klingelte ungeduldig in meiner Tasche, und dreimal ignorierte ich es. Es konnte warten. Die Gebete würden in wenigen Minuten beendet sein. Dann klingelte das Telefon erneut. Ich warf einen verstohlenen Blick darauf um zu sehen, wessen Name im Display stand. Es war Raphael. Das konnte nur eines bedeuten: sie war tot.

 

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Vor einer Woche hatte der Voodoo-Priester dieser vollkommen gesunden jungen Frau gesagt, dass sie die "Gebete des Calvarienberges" nicht überleben werde. Sie werde nicht länger als bis zur Todesstunde Christi leben, wenn sie nicht das Zauberelexier trinken würde, das er zu ihrer Rettung machen könnte. Nun war sie tatsächlich tot. Während die Gebete des Calvarienberges zu Ende gingen, ging auch ihr Leben zu Ende.

 

Sie hieß Marie Louise. Sie war mit ihren Geschwistern in eine verarmte Familie haitianischer Arbeiter geboren, die auf den Zuckerrohrfeldern der Dominikanischen Republik schufteten. Als Mutter und Vater gestorben waren, wurden die Kinder über die Grenze nach Haiti gebracht. Sie kamen sie in ein Land, in dem sie niemanden kannten und dessen Sprache, Kreolisch, sie nicht einmal sprechen konnten. Eine haitianische Sozialarbeiterin fand sie und brachte sie in unser Waisenheim, wo wir sie nun seit vielen Jahren kennen und lieben gelernt haben, was allerdings nicht immer einfach war.

 

Am frühen Morgen des Karfreitag stärkten sich einige von uns mit einer Tasse Kaffee für den neuen Tag. Ich hatte mir vorgenommen, einen Freund zu besuchen, der an einem Gehirmtumor leidet. Karfreitag schien mir ein guter Tag für solch einen Besuch, denn es ist ja der Gedenktag an eine absolut harte Begebenheit, die trotzdem so voller Gnade war; eine Gnade, ebenso düster wie mächtig. Unser Gespräch wurde von einem beunruhigenden Anruf unterbrochen. Marie Louise ging es sehr schlecht und sie brauchte Hilfe. So fuhren wir zu ihr nach Kenscoff. Ihr Zustand war tatsächlich katastrophal. Mir war sofort klar, dass ihr gesamtes Nervensystem betroffen war. Ich war sicher, dass Gift die Ursache war. Wir taten unser Bestes, um sie wiederzubeleben und zu stabilisieren, und als wir alles uns Mögliche getan hatten, ließ ich sie unter Raphaels Aufsicht zurück. Ich musste noch nach anderen Kranken sehen, und dann wollte ich rechtzeitig zu den Gebeten um drei Uhr nachmittags im Waisenheim in den Bergen sein. Ich dachte, durch unsere Behandlung hätte Marie Louise noch eine gute Chance. Ich hatte so etwas schon öfter gesehen. Gewöhnlich war eine gehörige Portion Hysterie mit im Spiel. Aber diesmal unterschätzte ich, wieviel davon Angst und wieviel die Wirkung des Giftes war. Ich verschätzte mich zwar nicht, was die Behandlung anbelangte, aber was die Prognose betraf. Ich erwartete nicht, dass sie sterben würde.

 

Schockiert sprach ich das letzte "Gebet vom Calvarienberg". Ich hatte keine Idee, was ich nun denken oder tun sollte. Ich wusste nur, dass ich ihren Leichnam holen musste. Die Schwestern und die Kinder des Waisenhauses fingen an, den Rosenkranz für Marie Louise zu beten. Alfonso und ich machten uns auf den Weg nach Port-au-Prince, um einen Sarg zu besorgen und ihren toten Körper nach Hause zu holen.

 

Es war eine lange, traurige Fahrt zurück auf den Berg. Es war spät abends, und wir versammelten uns, um sie zu waschen, anzukleiden und sie in den Sarg zu legen. Als wir sie wuschen, dachte ich zweitausend Jahre zurück an Josef von Arimathia und den heiligen Leichnam, den er zur Bestattung vorbereitete, nachdem er vom Kreuz abgenommen worden war. Beide Körper waren durch Eifersucht und Hass zerstört worden. Und in beiden Fällen floss viel Blut. Bei ihm durch die vielen Wunden, die man ihm zugefügt hatte, bei ihr durch massive innere Blutungen, sodass das Blut durch Mund und Nase quoll, während wir sie für die Beerdigung vorbereiteten. Über die zwei Jahrtausende hinweg verstanden wir die Traurigkeit und die Dringlichkeit dessen, was Josef für den toten Christus getan hatte - der letzte mögliche Akt der Zuneigung und des Respekts.

 

Josef von Arimathia musste zur Einhaltung des jüdischen Gesetzes den Leichnam Jesu noch vor Sonnenuntergang bestatten. Von uns wurde erwartet, dass wir das Gebot der katholischen Kirche einhielten und Marie Louise nicht vor Montag beerdigten. Aber wir konnten diesen unbalsamierten, vergifteten Leichnam nicht von Freitag bis Montag im Tropenklima in einem Waisenhaus liegen lassen. Wir hatten keine andere Wahl als am Ostersamstag ein einfaches Begräbnis zu organisieren, mit Gebeten und ohne Totenmesse, und so fügten wir uns in das Unvermeidliche.

 

Hunderte Waisenkinder warfen einen furchtsamen Blick in ihren Sarg. Alfonso, mit Tränen in den Augen und zitternden Händen, gab ihr ein Bild des auferstandenen Christus in die erkalteten Hände. Susana und anderen, die ein Abschiedswort an sie richteten, versagte dabei fast die Stimme. Und wir alle hatten Herzen schwer wie Blei.

 

Wir versuchten die Geschichte zu verstehen, so wie sie Marie Louise selbst dargestellt hatte. Sie war vor einer Woche zu Alfonso gekommen, um mit ihm über ein schwieriges Problem zu reden. Sie hatte sich in einen Mann verliebt, der bereits eine Freundin und ein Kind hatte. Sie war von ihm schwanger geworden. Obwohl der Freund bereits vor ein paar Monaten auf dem Abbruch der Schwangerschaft bestanden hatte, war die andere Frau immer noch sehr eifersüchtig und ging zu einem Zauberer, um Marie Louise mit einem Todesfluch zu belegen. Sie wandte sich daraufhin an einen anderen Zauberpriester um Hilfe, der 300 haitianische Dollar für die Herstellung eines Schutztrankes verlangte. Nun versuchte Marie Louise dieses Geld zusammenzubekommen.

 

Alfonso sagte ihr, dass Gottes Macht absolut ist, und dass wer sich auf solche Zaubermittel und Denkweisen einlässt, in einen Strudel wie von Treibsand hereingerät. Der einzige Weg damit umzugehen sei, sich an den Gott des Lebens zu halten und sich von diesen bösen Beschwörungen und ihrer hypnotischen Kraft fern zu halten. (Karfreitag ist der dramatischste Ausdruck dieser Botschaft, den man sich vorstellen kann.) Er gab Marie Louise ein Kreuz, das sie um den Hals tragen sollte zur Erinnerung an Gottes Liebe und Macht. Solche Diskussionen sind in Haiti an der Tagesordnung, denn der Glaube, dass Unglück, Krankheit und Tod durch einen persönlichen Fluch ausgelöst werden können, ist hier ganz lebendig.

 

Zwei Tage vor ihrem Schicksalstag war Marie Louise wieder im Waisenhaus. Ein hübsches Kleid, frisches Makeup, fröhliches Geplauder, Mithilfe in der Küche. Aber bevor sie ging, bat sie wieder um die 300 Dollar, was ihr wieder abgeschlagen wurde.

 

Abgrundtiefe Verzweiflung. Nach ihrer Beerdigung fuhren wir nach Kenscoff, um genauer zu verstehen, was geschehen war. Ich sprach mit ihrem Freund, den beiden Mädchen, mit denen sie zusammen gewohnt hatte, mit Nachbarn. Ich versuchte den Voodoo-Priester zu finden. Den ganzen Ostersonntag verbrachte ich mit diesen traurigen Nachforschungen, nur um herauszufinden, dass Marie Louises Leben bestimmt war von Prostitution und Drogen, von nächtelangen Parties in schmuddeligen Bars. Abgrundtiefe Verzweiflung. Diejenigen, mit denen sie ihre Tage und Nächte vebracht hatte, waren nirgends zu finden, als sie sie wirklich brauchte. Wir waren die einzigen, die versuchten, sie vor dem tödlichen Gift zu retten, die Tränen um sie vergossen, die sie liebevoll für die Beerdigung herrichteten, die sie mit ihren Gebeten für ihre Seele der Erde übergaben. Abgrundtiefe Verzweiflung. Trotz all der Jahre, die sie bei uns verbracht hatte, hatte sie nie die Quelle wahrer Liebe gefunden, hatte danach an Orten gesucht an denen, wie die Bibel sagt, der Teufel herumschleicht wie ein Löwe, der einen verschlingt, sobald man unvorsichtig genug ist, ihm zu nahe zu kommen. Abgrundtiefe Verzweiflung. Marie Louise war als Kind aus einem Alptraum heraus zu uns gekommen, nur um uns als junge Frau wieder in einen Alptraum hinein zu verlassen. Aber das Eine weiß ich ganz gewiss: so wie für die Fünfjährige waren wir auch für die Zwanzigjährige ihr wahres Zuhause. Möge sie mit diesem Trost in Frieden ruhen.

 

Die Religionen haben immer eine widersprüchliche Rolle in der Gesellschaft gespielt. Manche Aspekte sind befreiend und lebensfördernd. Andere knechten und zerstören. Das Christentum hat in seiner langen und sehr menschlichen Geschichte manchen Schaden angerichtet. Voodoo auch. Aber das Christentum ist eine Religion, die von der Öffentlichkeit scharf beobachtet wird, mit gut bekannten Führerpersönlichkeiten, die für das, was sie tun, zur Verantwortung gezogen werden. Voodoo lebt im Schatten, immer im Verborgenen, und nie wird jemand zur Rechenschaft gezogen. Das Christentum muss immer wieder seine Ziele neu definieren, die durch die gesellschaftlichen Herausforderungen beständig verfeinert werden. Aberglaube wird ersetzt durch überzeugende Beschreibungen des Mystischen und den Ansprüchen des Mystischen auf uns. Vielleicht wird Voodoo auch eines Tages in diese sehr notwendig Dynamik hineingenommen werden.

 

Spät an jenem Karfreitagabend, nach einem langen tragischen Tag, ging ich genau um Mitternacht nach draußen und schaute in den Sternenhimmel. Es war wie ein Wunder. Ausgerechnet das Kreuz des Südens stahlte wie ein Diamant am samtenen Himmel, unter den Wolken, die der volle Ostermond beleuchtete. Ich dachte an Gottes Versprechen an Noah nach der Sintflut. Wenn es jemals einen Regenbogen um Mitternacht gegeben hat, dann jetzt und hier.

 

"Desperado, komm von deinem Zaun herunter, leg die Waffen nieder und öffne das Tor. Es regnet, aber was macht das schon, da ist ein Regenbogen über dir! Besser, du lässt dir von jemand seine Liebe schenken, bevor es zu spät ist."*

 

* Jackson Browne

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