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Jona unter dem verdorrten Baum

Pater Rick stellt sich die Frage, ob man an das Gute im Menschen glauben kann.

Gestern saß ich auf einem heißen Stein an einer heißen Straße in der heißen Sonne in einem heißen Slum, fast eine Stunde lang, und versuchte wieder einigermaßen zu mir zu kommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, schon jemals so traurig und müde gewesen zu sein, alles so absolut satt gehabt zu haben und von einem solchen Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit übermannt gewesen zu sein. Dass sich dieser Stein mitten in der berüchtigten Cite Soleil befand, ist kein unbedeutendes Detail in dieser Geschichte. Wenn jemand meint, Cite Soleil sei ein Tropenparadies, der muss nur einmal in die heutige Ausgabe der New York Times hineinschauen. Selbst die UN hat Angst, dort hinzugehen, wie die zwei Millionen Einwohner von Port-au-Prince auch. Ich war da, um die Antwort auf eine einfache Frage zu finden. Kann man darauf vertrauen, dass es etwas Gutes im Menschen gibt oder nicht? Ich hatte immer daran geglaubt, aber nun waren mir grundlegende Zweifel gekommen. Und mit der Antwort auf diese Frage stand nicht nur ein roter Lieferwagen auf dem Spiel, sondern auch meine Berufung.

 

Es begann an einem Sonntag, als wir diesen Biss der uralten Schlange des Bösen zu spüren bekamen, und zwar einen Biss übelster Sorte. Ein kleines Team von uns wurde gekidnappt, als sie auf dem Friedhof von Drouillard ein Kind beisetzen wollten, das in unserem Krankenhaus gestorben war. Urplötzlich befand sich die kleine Trauergesellschaft samt dem toten Kind in der Hand einer Bande von Gangstern.

 

Dann wurde die Gruppe auseinander gerissen. Die trauernde Mutter wurde gewaltsam aus dem roten Lieferwagen gezerrt, der uns als Leichenwagen dient. Sie wurde ausgeraubt, eingeschüchtert und bedroht und dann sagte man ihr, sie solle um ihr Leben rennen, während einige auf sie schossen. So rannte sie verzweifelt davon, wie ein tollwütiger Hund, in Todesangst, ohne zu wissen wohin und ohne eine Ahnung, ob und wo ihr Kind nun zur letzten Ruhe gelegt würde. Emmanuel wurde zum Friedhof zurückgebracht, wo man ihm die paar Dollar abnahm, die er bei sich trug. Auch er wurde mit dem Tode bedroht, beschimpft, weil er nur so wenig Geld in den Taschen hatte, und musste dann, wie die Mutter, um sein Leben laufen.

 

Eric und das tote Kind wurden in dem roten Lieferwagen tief in die Slums von Drouillard gefahren. Dann verspürte einer der Gang anscheinend doch plötzlich einen Anflug von Menschlichkeit und sagte zu seinem Anführer: "Boss, er wollte dieses Kind gerade begraben. Warum lässt du ihn nicht einfach laufen und behältst nur den Wagen?" So wurde Eric schließlich widerwillig entlassen, nachdem man ihm alle Wertsachen abgenommen hatte, und er machte sich auf den Weg, die paar Kilometer zum Friedhof zurück, in der prallen Sonne und mit dem Sarg auf dem Kopf. Die Straße war absolut menschenleer, und so musste er jeden Augenblick mit einem Angriff rechnen. Aber, wie wir alle wissen, die schlimmsten Angriffe kommen immer von innen.

 

Irgendwo an dieser verlassenen Straße, während er sorgsam seine kostbare Last trug, biss die Schlange erneut zu. Eric ist Waise, aufgewachsen in unserem eigenen Heim, und er war schon einmal im Gefängnis (ja, wir machen alle einmal einen Fehler). Da kam ihm plötzlich der Gedanke, dass ich ihm nie glauben würde, dass er gekidnapped worden sei und der rote Lieferwagen gestohlen wurde. Stattdessen würde ich annehmen, dass er sich das Ganze nur ausgedacht habe, um zu vertuschen, dass er das Auto selbst gestohlen hatte. Im Laufe des langen heißen Tages wurden diese verdrehten Gedanken immer quälender und fingen an, ihn völlig zu beherrschen. Das ging so weit, dass er mich mit einer wütenden Schimpftirade empfing, als ich ihm nach diesem Unglück das erste Mal wieder sah. Er warf mir vor, dass mir seine Situation völlig egal sei und ich nichts unternehmen würde, um ihm zu helfen.

 

Ich war vollkommen verdutzt und hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich hatte von dem Überfall durch einen Anruf erfahren, als ich gerade mit der Sonntagsmesse in unserem Kinderheim in den Bergen begonnen hatte. Per Handy hatte ich bereits eine Menge Leute organisiert, die ihm zur Hilfe kommen sollten. Und die Anführer der Gangs hatten mir versichert, dass man ihn freilassen werde. Aber all das beruhigte ihn nicht, ebenso wenig wie ein Gedicht einen wütenden Bullen beruhigen würde. Und da biss die Schlange wieder zu - diesmal bei mir.

 

Ich bin in Cite Soleil kein Unbekannter. Wir haben dort verschiedene Projekte: Wasserverteilung, zwei Schulen, ambulante Krankenstationen, Notfallmedizin, Eiskremverteilung für die Kinder und anderes. Ich zögerte keinen Augenblick, der ganzen Angelegenheit mit den Banden auf den Grund zu gehen. Als ich dort ankam, wählte ich sofort diesen großen Stein in der Mitte der heißen Straße als Thronsitz für meinen Protest. Zwei verschiedene Anführer kamen, um mit mir zu reden. Warum ich da auf dem Stein sitze? Wenn ich den Lieferwagen zurückhaben wollte, warum sagte ich das nicht einfach? Bitte geh nach Hause, wir schicken dir das Auto noch heute zurück. OK, wenn du nicht ohne den Wagen gehen willst, dann setz dich wenigstens in den Schatten, bis wir ihn geholt haben. Wir bringen dir auch eine Cola.

 

Aber es ging ja nicht nur um den Lieferwagen. Mein Protest galt dem, was man einem toten Kind, einer trauernden Mutter, Eric und Emmanuel, meinem ganzen Team, dem ganzen Land angetan hatte. Es ging doch nicht nur um ein Auto.

 

Als ich mich nicht von der Stelle rührte, sagte Bazo, einer der Anführer, schließlich zu mir: "Mon Père, sind Sie verrückt geworden?"

 

Ich soll verrückt sein? Das fragst du mich? Deine Freunde kidnappen ein totes Kind, und ich soll derjenige sein, der verrückt ist? Warum macht ihr die Leute kaputt? Warum? Diese arme Frau, die schon genug an ihrer Armut und Trauer zu tragen hat, hatte wenigstens noch die Chance, ihr Kind in Würde und Liebe zu beerdigen. Und ihr habt ihr diese Chance kaputt gemacht. Wenn wir dieses Kind nicht begraben hätten, wäre sein Leichnam bei TiTanyin gelandet als Futter für Hunde und Schweine. Und zu ihrer Armut und Trauer jagt ihr der Frau noch einen Todesschrecken ein und lasst sie in Angst und Verzweiflung davonrennen. Und ihr habt den Nerv mich zu fragen, ob ich verrückt bin?

 

Dann brachten sie den roten Lieferwagen zu mir. Nichts fehlte: Batterie und Wagenheber, Radio und Papiere, alles noch da. "Da hast du ihn, jetzt geh aber auch bitte aus der Sonne. Sie wussten nicht, dass der Lieferwagen euch gehört. Warum bringt ihr nicht ein Zeichen an euren Autos an, damit jeder sie erkennen kann?" Also wirklich. Muss man sogar noch einen Leichenwagen mit einem Zeichen versehen? Bleiben denn nicht einmal die Toten von diesem Albtraum verschont?

 

Als ich endlich wieder nach Hause kam, ging ich zuerst in die Kapelle, um eine Minute der Stille zu haben. Dort fand ich Eric, der in einer Ecke saß und weinte. Ich setzte mich zu ihm, und da flossen die Tränen erst recht in Strömen. Er hatte gehört, dass ich selbst nach Cite Soleil gefahren war, um den Lieferwagen zu holen. Daher wusste er, dass ich ihm glaubte. Er erzählte mir schluchzend von seinen Zweifeln, dass ich ihm niemals glauben würde. "Eric, jetzt hältst du dich selbst im Gefängnis. Solche Gedanken helfen dir nie weiter. Sie sind nicht gut für dich. Ich habe dich lieb und ich glaube an dich. Das ist gut für dich. Und du bist gut für mich. Um Gottes Willen, hör auf, so verdreht zu denken." Ich nahm das schlichte Kreuz aus Kuhhorn ab, das ich schon seit vielen Jahren um den Hals trug, und legte es ihm an. Es war sicher kein Schmuckstück von materiellem Wert, aber ich hatte das Bedürfnis, ihm ein bedeutsames Zeichen geben, etwas was er bei sich behalten konnte. Dann fragte er mich, ob ich wüsste, was für ihn das Schlimmste an der ganzen Sache gewesen sei. Er erklärte mir, dass es der Augenblick war, als er hilflos mitansehen musste, wie die arme trauernde Mutter in Angst und Verwirrung wegrannte. Er wünschte sich so sehr, sie wiederzufinden und ihr zu helfen, und ihr zu sagen, dass er die Beerdigung zu Ende gebracht hatte und ihr Kind liebevoll bestattet habe. Und während ich ihn so ansah und ihm zuhörte, kam mit einem Schlag meine ganze verlorene Energie zurück.

 

Ja, Menschen sind im Grunde sehr, sehr gut.

 

Und jetzt ins Bett. Das ist mehr als genug für einen Tag. Aber nicht ohne vorher noch die Worte eines Lieblingsliedes zu lesen:

 

"Wir werden laufen und nicht müde werden, denn unser Gott wird unsere Kraft sein, und wir werden fliegen wie der Adler, wir werden wieder aufstehen."

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