Aktuell

Hoffnung für die ?Stadt der Sonne?

Kinderhilfswerk baut Wohnhäuser im Slum

Joel Janeus ist in Cité Soleil, aufgewachsen. Der Name Cité Soleil verspricht mehr, als er hält. Denn mit einer Stadt der Sonne hat Cité Soleil nicht zu tun. Rund 400.000 Menschen bevölkern diesen Stadtteil von Port-au-Prince. Wer hier leben muss, ist weit entfernt von den Annehmlichkeiten eines dolce vita. Denn Cité Soleil ist eines der größten und gefährlichsten Armenviertel der westlichen Welt. Vor der Wellblechhütte, in der Joel Janeus groß geworden ist, befindet sich ein Kanal. Die Einwohner nutzen ihn, um Abfälle, Fäkalien und verschmutztes Wasser zu entsorgen. Noch heute erinnert sich Joels Mutter daran, dass der Junge sehr häufig in den Kanal gefallen ist, weil es keinerlei Absperrungen gab. ?Meine Familie war so arm, dass ich oft ohne eine Mahlzeit ins Bett gegangen bin. In der Schule habe ich meine Füße versteckt, weil ich mich so geschämt habe, dass wir uns keine Schuhe leisten konnten?, beschreibt Janeus seine Kindheit. Heute ist der junge Mann Direktor von ?Action Chretienne?, einer haitianischen Hilfsorganisation, die sich insbesondere um die Verbesserung der Lebensumstände der Bewohner von Cité Soleil einsetzt.

 

Fors Lakay ? Die Stärke der Gemeinschaft

 

Seit einiger Zeit arbeitet ?Action Chretienne? mit nuestros pequeños hermanos (nph) zusammen. Der haitianische Zweig des Kinderhilfswerks, nph haiti, kümmert sich bereits seit 1987 um Not leidende Menschen in dem Karibikstaat. Die Organisation hat zwei Kinderdörfer, Schulen, Ausbildungswerkstätten sowie medizinische und therapeutische Einrichtungen aufgebaut, die mehr als 250.000 Menschen zu Gute kommen. Eines der jüngsten Projekte ist der Häuserbau in Cité Soleil und Wharf Jeremie, einem weiteren Slum in Port-au-Prince. Auch dort herrscht äußerste Armut. ?Die Lebensbedingungen sind sehr kritisch. Viele Bewohner haben keine Arbeit und wohnen in Wellblechhütten in einem Raum mit sechs bis neun Kindern. Im Slum laufen überall Tiere herum. Die Exkremente von Tier und Mensch verursachen einen nahezu unerträglichen Gestank?, sagt Jean Gilles Jaebet, Mitarbeiter bei nph haiti. Das Projekt Häuserbau hat den Namen ?Fors Lakay?, was so viel bedeutet wie ?die Gemeinschaft stärken?. Der Name ist Programm: Denn der Bau der Wohnhäuser erfolgt in enger Abstimmung mit den Verantwortlichen im jeweiligen Armenviertel. So ist gewährleistet, dass die Bevölkerung einbezogen ist und das Projekt eine hohe Akzeptanz genießt. Darüber hinaus arbeiten einige Slumbewohner beim Bau der Häuser mit. Zu dem kleinen Einkommen, das sie sich durch diese Bautätigkeit erwerben, gesellt sich der Stolz, wenn ein Haus fertig gestellt ist. Die Vergabe der Häuser an Familien erfolgt ebenfalls durch die Verantwortlichen im Slum. Da sie als Instanzen gelten, ist sichergestellt, dass es nicht zu Unruhen kommt. Dass die Einbeziehung der betroffenen Menschen der richtige Weg zum Erfolg ist, zeigt auch eine aktuelle Initiative der haitianischen Regierung. Unter dem Namen ?Katye Pam Poze? wurde ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das in zehn Bezirken getestet werden soll. Durch eine bessere Einbeziehung der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse, sollen schrittweise die Lebensbedingungen der Haitianer verbessert werden.

 

Ein Programm ? zwei Konzepte

 

In Cité Soleil und Wharf Jeremie sollen jeweils zunächst 100 Wohnhäuser entstehen. Da die Besitzverhältnisse in den beiden Slums unterschiedlich sind, unterscheidet sich auch die Konzeptionen für die Häuser. In Cité Soleil wurden die Grundstücke von ?Action Chretienne? an nph haiti übergeben. Sie sind groß genug, dass Häuser aus Zementblöcken errichtet werden können, die aus zwei Zimmern, einer Kochstelle, einem Badezimmer und einer kleinen Veranda bestehen. Ein kleiner Garten soll zukünftig die Möglichkeit zum Obst und Gemüseanbau bieten und damit zur Selbstversorgung. Ein Haus kostet rund 6.500 Euro. Insgesamt 30 Häuser haben ?Action Chretienne? und nph haiti bereits gebaut. Pater Richard Frechette, Leiter der nph-Einrichtungen in Haiti schreibt: ?Wir sind sehr stolz auf die Häuser. Wir haben gemeinsam mit Action Chretienne und der Bevölkerung entschieden, welche Häuser zur Gegend passen und dann unseren Plan gemeinsam umgesetzt.?

Ganz anders sind die Verhältnisse in Wharf Jeremie. Die neuen Häuser ersetzen die bereits bestehenden Hütten, weil das Grundstück Eigentum des Bewohners ist. Da die Grundstücke sehr klein sind, mussten auch die Häuser kleiner geplant werden. Sie bestehen aus zwei Zimmern und einer Kochecke. Die Verantwortlichen des Slums haben entschieden, dass wegen des beengten Baugrundstücks keine Bäder eingebaut werden können. Inzwischen wurden zehn Häuser errichtet. ?Wir sind nicht wirklich zufrieden mit den Häusern in Wharf Jeremie. Deshalb können wir nur von einer Verbesserung, nicht von einem Durchbruch sprechen?, sagt Pater Frechette. Aktuell diskutiert er mit den Entscheidern in Wharf Jeremie, ob die nächsten Häuser mit Badezimmer geplant werden können, oder nph haiti zumindest Waschräume für jeweils zehn Familien bauen kann. So würden sich die katastrophalen sanitären Verhältnisse wenigstens etwas verbessern. Die Kosten für die Häuser in Wharf Jeremie belaufen sich auf rund 5.500 Euro pro Haus. Da es in den Slums keine Stromversorgung gibt, sollen alle Häuser einem späteren Zeitpunkt mit Sonnen- oder Windenergie ausgestattet werden.

 

Leben in Würde

 

Eine der ersten Personen, die ein Haus in Cité Soleil beziehen durfte, ist Roselaure. Vor wenigen Wochen ist sie mit ihrem Mann und den vier Kindern eingezogen. Obwohl der Platz für die Familie beengt ist, steht doch für Roselaure fest: ?Für mich und meine Familie hat ein neues Leben begonnen ? ein Leben in Würde.? Auch ein Bewohner aus Wharf Jeremie äußerte seine Zuversicht: ?Wir hoffen darauf so leben zu dürfen, wie jeder Mensch auf der Erde leben sollte.? Und Jean Gilles Jaebets resümiert: ?Als Haitianer danke ich allen, auch im Namen der Menschen in Cité Soleil und Wharf Jeremie. Die Arbeit von nph haiti ist für die Bewohner in den Armenvierteln sehr wichtig.?

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