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Aktuell

Gedanken zum Ende der Welt (und sonstige Gelegenheiten, das Gesicht der Erde zu erneuern)

Unsere Jugendlichen ermöglichen anderen Kindern ein würdevolles Begräbnis und setzen ein Zeichen der Hoffnung

Am letzten Sonntag traten wir in die letzten beiden Wochen des Katholischen Liturgischen Jahres ein. In den vorausgegangenen 50 Wochen haben wir die Geschichte unserer Erlösung erneut durchlebt und uns von ihrer Kraft durch die Tage des Jahres 2004 tragen lassen. Wenige Tage vor dem großen Finale, der Proklamation Christi als Sieger über alle Mächte der Schattenwelt, die das Leben und die Liebe zu zerstören versuchen, vernehmen wir eine überraschende Botschaft. Kurz vor dem Ende unserer Reise durch das Kirchenjahr treffen uns die beunruhigenden Worte Christi. Wir hören von Dunkelheit und Anfechtungen, von großen Schlachten, von einer solchen Zerstörung, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, nicht einmal im Tempel. Was ist geschehen? Ich dachte doch, er sei der Sieger?

 

Das ist er auch. Aber er hat gesiegt, um uns den Sieg zu ermöglichen. Der Sieg Christi hat uns nicht des Kampfes enthoben. Im Gegenteil, vom Augenblick unserer Geburt an bis zu unserem Tod sind wir eingebunden in den dramatischen Widerstreit zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, und unsere Entscheidungen machen den Unterschied in der Welt aus. Wir durchleben das liturgische Jahr, um durch die Erinnerung Kraft zu schöpfen, damit unsere Entscheidungen vom Herzen Gottes her beeinflusst werden. "Ich stelle vor euch Gutes und Böses, Leben und Tod. Wählt das Leben!"

 

Die Apokalypse ist keine Erfindung, diese dramatische und spektakuläre Vision des Chaos. Am 2. November versammelten wir uns am Rande von Port-au-Prince, an der Sterbestätte und dem Massengrab unzähliger namenloser Armer, die im Jahr 2004 gestorben sind. Die zu arm waren, um ordentlich beerdigt zu werden. Ihre verstreuten Knochen reden von Apokalypse. Sie sind dort abgeladen worden, ohne Würde, lieblos, ohne Hoffnung auf ein Weiterleben. Wir versammeln uns dort, um etwas von dem, was ihnen angetan wurde, wiedergutzumachen: wir rufen ihre Würde an diesem Platz aus, indem wir für sie die Messe feiern. Viele von ihnen waren zu uns gekommen, wenn sie krank waren. Wir erinnern uns mit Liebe an sie; wir befehlen sie Gott an in der Hoffnung auf seine Erlösung. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass uns das liturgische Jahr die Kraft gibt, die Gnade in unserer Welt präsent und konkret zu machen.

 

Es ist kein Zufall, dass uns die Kirche im November dazu anhält, nicht nur über die Letzten Tage nachzudenken, sondern auch den Toten Ehre zu erweisen. Gebete, Fasten, Besuch der Grabstätten. So wie das Leiden Christi uns die Erlösung ermöglichte, so können auf geheimnisvolle Weise auch unsere Anstrengungen und Leiden helfen, dass andere ihre Erlösung finden. Wir werden dazu ermutigt, unsere Arbeit, unsere Anfechtungen und unsere Leiden Gott gemeinsam mit den anderen, die in Christus sind, als ein Opfer darzubringen, damit sie Erlösung bewirken können. Unsere Kirche legt uns nahe, dass noch viele der Toten noch unserer Solidarität bedürfen, um ihre Erlösung zu erfahren. (In den letzten Jahren hat unser Papst wiederholt darum gebeten, dass man nach seinem tod für ihn beten möge.) Für die Toten gilt wirklich, dass kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist. Die Toten haben alles verloren in dieser Welt, wie wir sie kennen.

 

Unsere Werke der Nächstenliebe für die Toten können sich allerdings nicht nur in geistlichen Dingen erschöpfen. Wir müssen daran arbeiten, dass niemend mehr einfach in ein Massengrab geworfen wird. Jeder sollte in Würde, mit Liebe und mit Hoffnung bestattet werden. Das ist ein Ziel der Menschenwürde. Es gibt so viele Tote unter den Ärmsten der Armen. Allein in unserem Krankenhaus müssen wir miterleben, wie jedes Jahr etwa 250 Kinder sterben, ganz zu schweigen von den anderen Orten, an denen wir ebenfalls arbeiten. Eine Gruppe junger Erwachsener, die in unserem Waisenhaus großgeworden sind, haben ein Team gebildet "im Dienste der Auferstehung", wie sie es nennen. Sie bestatten unsere toten Kinder, eines nach dem anderen. Sie zimmern den Sarg, sie heben das Grab aus, sie bringen die Familie zu den gemieteten Grabstätten zur Beerdigung und zum Gebet (solange, bis wir es uns leisten können, ein Grundstück für einen eigenen Friedhof zu kaufen). Sie können sich sicher vorstellen, was das für die Familien bedeutet. Eine einfache Geste, die ihnen einen psychologischen und geistlichen Halt gibt angesichts des Verlustes ihres Kindes. So geschieht Barmherzigkeit, ganz konkret, im Jahr 2004.

 

Die Apokalypse ist keine Erfindung. Wir sehen geköpfte Leichen in Port-au-Prince. Ich habe kürzlich in der New York Times gelesen, dass diese barbarische Erscheinung nicht nur in Irak und in Haiti wieder zunimmt, sondern auch in anderen Ländern. Zweimal in den vergangenen Monaten musste unser medizinisches Team nachts durch gefährliche Gebiete fahren, um Kranke und Verwundete herauszuholen und ihr Leben zu retten. Beide Male waren es böse Menschen, die dafür sorgten, dass wir hinein und wieder heraus kamen, ohne dass unser Lastwagen verbrannt oder zertrümmert wurde oder gar Schlimmeres passierte. Es ist erstaunlich, wie viele böse Menschen noch einen Instinkt für das Gute haben und sich dafür einsetzen, wenn sie die Gelegenheit dazu erhalten. Die menschliche Geschichte ist voller Beispiele von Menschen, die von anderen, meist ihren Führern, weisgemacht bekommen, dass sie für einen edlen Zweck kämpfen. Viele der bösen Menschen sind Kinder. Völlig fehlgeleitete und manipulierte Kinder. Wie wichtig ist es, ihnen gute und richtige Gedanken in den Kopf zu setzen, anstatt sie vor die Hunde gehen zu lassen. Einige junge Erwachsene aus unserem Waisenhaus gründen kleine Schulen, um diese Kinder von der Straße zu holen, weg von den schlechten Einflüssen, und ihnen Mitmenschlichkeit beizubringen. Eine Gruppe heißt "Die Freunde von St. Gabriel", eine andere "Die Freunde von St. Anne", und so weiter. Bisher haben sie Schulen für 400 Straßenkinder organiesiert. Unser Ziel ist es, bis zum Ende des Jahres 2005 etwa 1000 Straßenkinder in Schulen untergebracht zu haben. Wenn böse Menschen ihren guten Instinkten folgen und darin ermutigt werden, siegt die Gnade über die Apokalypse. Dann kann man klar sehen, dass nicht so sehr ein böser Mensch zum Guten bekehrt wurde, sondern dass ein Mensch, dessen Güte verschüttet war, wieder auf den richtigen Weg zurückgekehrt ist. Die Gnade ist schon etwas Erstaunliches. Und wie stolz sind wir, dass unser großes Waisenhaus mit seiner Schule, das nun schon 17 Jahre besteht, junge Menschen hervorgebracht hat, die versuchen, das Gesicht der Erde zu verändern.

 

Die Apokalypse ist keine Erfindung. Gewalt und Naturkatastrophen sorgen dafür, dass kein Stein auf dem anderen bleibt an vielen Orten im Mittleren Osten, in Teilen der Flutgebiete um Gonaives und Thiote, in Afghanistan und Falludscha. Auch die Naturkatastrophen sind in vielen Fällen durch menschliche Gewalt gegenüber der Natur wie Abholzung der Wälder und Umweltzerstörung entstanden. Jemand hat mir gerade eine Ladung Samen für Gonaives geschickt. Immer wieder siegt die Gnade über die Apokalypse.

 

Wir haben übrigens mittlerweile drei Kinder aus Gonaives aufgenommen. Moses ist 8 Monate alt und wurde wie durch ein Wunder durch UN Soldaten gerettet, die ihn im Wasser treiben sahen. Wir gehen davon aus, dass seine Familie umgekommen ist. Wir nannten ihn Moses, weil sein Name, wie der seines berühmten Namensvetters, im Hebräischen "Der aus dem Wasser Gezogene" bedeutet. Er ist wohlgenährt und niedlich. Dann ist da noch Guenson. Er ist etwa 10 Jahre alt. Das letzte woran er sich erinnert, ist dass seine Großmutter ihm half, sich auf den Ast eines Baumes zu retten, bevor sie selbst von den Wassermassen mitgerissen wurde. Und da ist Valina. Sie war vom Verlust ihrer gesamten Familie am meisten traumatisiert, aber allmählich fängt sie sich wieder, dank Schwester Loraine und den anderen Mitarbeitern im Krankenhaus. Alle drei sind ein Zeugnis für die unglaubliche Stabilität des Geistes, die wir in unserem Kirchenjahr feiern.

 

Und an Orten, wo kein Stein auf dem anderen geblieben war, haben wir die Steine wieder aufgebaut. In Thiote haben wir 25 Familien ein neues Dach über dem Kopf errichtet. Einer unserer jungen Männer, der in unserem Waisenhaus aufgewachsen ist, hat das Projekt geleitet. In dieser Woche werden wir die Einzelheiten festlegen, wie wir 40 Familien in Gonaives zu einem neuen Heim verhelfen. Wenn unser Glaube nicht konkret und praktisch wird, so ist er, wie Paulus sagt, völlig ohne Leben.

 

Verzeihen Sie die folgenden persönlichen Anmerkungen, aber sie enthalten eine wichtige Botschaft. Seit letzten Februar hatten wir einen größeren Umsturz und zwei verheerende Flutkatastrophen im Land. Und seit August erkrankte ich an Malaria un dann auch noch an Dengue-Fieber. Sie können sich sicher vorstellen, dass dadurch selbst jemand, der sonst als stark angesehen wird und sich normalerweise auch so fühlt, an seine Grenzen kommt. Das Dengue-Fieber warf mich auf meine Bodenmatte, deprimiert und erschöpft, bedeckt mit Ausschlag und schweißgebadet durch das Fieber. Es ist bekannt, dass das Dengue-Fieber Depressionen auslöst. Aber das tut das Leben auch. Das Liegen auf dem Fussboden half mir, denn der war angenehm kühl gegen das Fieber. Und seine Härte bewahrte meine schmerzenden Knochen vor schnellen Bewegungen. In dieser schlimmen Zeit der Krankheit erhielt ich drei schreckliche Nachrichten. Mein Freund Ti Maurice lag in seiner Hütte im Slum Cite Soleil im Sterben und wollte, dass ich ihn an seinem Totenbett besuchte, was mir aber unmöglich war. Dann erhielt ich die Nachricht, dass einer unserer jungen Männer, der Straßenkinder in Port-au-Prince unterrichtete, in einem Schusswechsel auf der Straße brutal ums Leben gekommen war. Dann erfuhr ich, dass Daniel, über den ich in einem früheren Brief berichtet habe, gestorben war. Daniel hatte von einem Zauberdoktor entstellende Verbrennungen am Kopf und im Gesicht zugefügt bekommen, als dieser ihn während eines epileptischen Anfalls mit Säure zu exorzieren versuchte. Dieser bemitleidenswerte Daniel starb in einer Gosse in Port-au-Prince.

 

Von allen chaotischen Auswirkungen, die die Apokalypse mit sich bringt, ist die Verwirrung des Geistes die schlimmste. Dieses schreckliche Gefühl, dass auch im Inneren kein mehr Stein auf dem anderen bleibt. Als ich auf dem Boden lag, fragte ich mich, ob es überhaupt etwas im Leben gab, wofür es sich lohnte aufzustehen, wenn ich überhaupt in der Lage gewesen wäre aufzustehen. Ich wusste, diese Gedanken waren ungutes Selbstmitleid. Ich wusste, es ging mir längst nicht so schlecht wie vielen anderen meiner Patienten, und mein Leben ist bei weitem nicht so hart wie ihres. Aber ich bekam Hilfe. So viele Menschen besuchten mich und traten ans Fußende meiner Matte, offensichtlich sehr betrübt darüber, dass es mir so schlecht ging. Einigen von ihnen teilte ich meine quälenden Gedanken mit; von einigen erhielt ich guten Rat, andere fanden tröstende Worte, einige ermahnten mich und der ein oder andere sagte auch seltsame Dinge, aber immer drang eine Botschaft zu mir durch - die Liebe. Die Gemeinschaft kann uns heilen. Es geht mir wieder gut und ich bin wieder zu Kräften gekommen, dank der Liebe. Ich bewundere und bedauere Menschen mit chronischen Krankheiten, und noch mehr fühle ich mit den Menschen, die keinen Weg aus der Depression finden.

 

Später erzählte mir eine Freundin, dass sie im Gebet erkannt habe, dass meine Krankheit nicht nur mit einem Mückenstich zu tun habe. Das Leiden, das ich durchmachte, sei auf einer tieferen Ebene hilfreich für Daniels endgültige Erlösung nach seinem qualvollen Ende gewesen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß, dass die Kirche lehrt, dass unser Leiden stellvertretend erlösend sein kann. Ich weiß auch, dass, wenn es stimmte, ich gern ein Jahr lang für Daniel auf dieser Matte gelegen hätte, wenn das nur etwas von dem Schaden wiedergutgemacht hätte, den das Chaos bei ihm angerichtet hat.

 

Und so neigt sich unser liturgisches Jahr dem Ende zu. Es ist Zeit, "die Lenden zu gürten" und der harten Wahrheit über das Leben ins Auge zu blicken, bewaffnet mit dem Evangelium. Kein Grund zur Furcht. Das Jahr beginnt am 28. November wieder von vorn. Wir werden die frohe Botschaft hören, dass Gott zu uns kommt, in unsere Wirklichkeit, in menschlicher Gestalt. Und dann haben wir 52 Wochen, in denen wir die Geschichte erneut durchleben und ihre Kraft freisetzen können, und dann erhalten wir erneut die Gelegenheit dazu, und dann wieder und wieder, bis wir es verstanden haben.

 

Kein Grund zur Furcht. Die Kraft ist in uns, in uns allen. Groß oder klein, schlau oder dumm, reich oder arm, krank oder gesund. Die Kraft ist in uns allen. Sie ist in unseren Herzen. Man nennt sie die Liebe.

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