bus
Aktuell

Eine Stadt nach der Flut

Eine Freiwillige berichtet davon, wie sie eine Hilfslieferung in die Stadt Gonaives begleitet hat.

Als ob das turbulente politische, soziale und wirtschaftliche Klima noch nicht genug Probleme für Haiti bedeutete, kam für das Land nun noch eine weitere Ursache für erhebliche Rückschläge hinzu - eine schreckliche Naturkatastrophe.

 

Am 18. September wurde die Stadt Gonaives von der ungebändigten Macht der Elemente getroffen und zerstört. Innerhalb weniger Stunden sahen sich die Einwohner von Gonaives einem Schicksal gegenüber, das niemand je für möglich gehalten hatte und dessen Ausmaße kaum abzusehen waren. Ohne Vorwarnung verschwanden ganze Familien, Häuser, Geschäfte, Kirchen, Schulen, Felder und Straßen in den tödlichen Fluten, während Tausende versuchten, sich auf Häuserdächer, Bäume oder Straßenschilder zu flüchten.

 

Diese Katastrophe machte ein sofortiges Eingreifen nötig und erforderte die Zusammenarbeit und Solidarität aus dem In- und Ausland. Auch NPFS schickte sofort einige Mitarbeiter an den Ort des Geschehens. Innerhalb kürzester Zeit wurden 100 Beutel mit Kleidungsstücken, Hygieneartikeln, Unterwäsche und Sandalen gepackt und zusammen mit einigen großen Säcken Reis und Bohnen, drei großen Fässern mit Trinkwasser und einer Reihe von Schaufeln in einen Kleinlaster verladen, der sich zu den Schwestern der Barmherzigkeit in Gonaives auf den Weg machte.

 

Am Freitagmorgen gegen 6.30 Uhr machte sich unser kleines Team auf den Weg: Alfonso Leon, der Leiter von St. Hélène, drei haitianische Mitarbeiter und ich, eine Freiwillige aus USA. Wir legten unsere Sicherheit in Gottes Hände und vertrauten uns der Umsicht und den Fahrkünsten unseres Fahrers Message an, in der Hoffnung auf eine sichere Ankunft. Nach viereinhalb Stunden schwieriger Fahrt in schweißtreibender Hitze kamen wir endlich am Rand der Stadt an. Vor uns lag eine riesige Fläche lehmigen Wassers. Der Anblick verschlug uns die Sprache. Wir stiegen aus und sahen uns ungläubig an, was die zerstörerischen Naturgewalten angerichtet hatten. Nur die wenigen Baumwipfel, Hausdächer und Straßenschilder, die aus dem Wasser herausragten, kündeten davon, dass hier einmal ein Ort voller Leben gewesen war, mit Wohnhäusern, Geschäften und Bauernhöfen. Das alles stand nun unter Wasser.

 

Einen Augenblick lang waren wir versucht umzukehren, aber dann war uns klar, wie nötig die Menschen unsere Hilfe hatten. Wir schalteten den Allradantrieb ein und fuhren mutig, aber vorsichtig in die trübe Flut hinein. Das Wasser reichte bis an die Türen, aber wir fuhren weiter, gemeinsam mit vielen anderen, die ebenfalls unsere Hilfsgüter transportierten. Bei jedem umgestürzten Lastwagen, Bus, Straßenschild oder Hausdach, an dem wir vorbeikamen, beteten wir nicht nur für unsere eigene Sicherheit, sondern auch für die Seelen derjenigen, die an diesen Stellen ihr Leben verloren hatten.

 

Endlich, nach fünfzehn Minuten lebensgefährlicher Fahrt, gaben die Fluten die lehmbedeckte Straße frei. Aber das war kein Grund zur Erleichterung. Je weiter wir fuhren, desto deutlicher wurde das Ausmaß der Zerstörung ringsum. Als wir uns dem Zentrum der Stadt näherten, sahen wir überall nur ein wüstes Durcheinander. Mehrere hundert Häuser, Kirchen, Geschäfte, Parkanlagen und Gärten waren zerstört; Hunderte von Menschen waren ohne Dach über dem Kopf, ohne Lebensmittel, Wasser oder Kleidung. Alte und Junge suchten in den Trümmern und Überresten nach Brauchbarem, auch nach etwas zu essen.

 

Es gab keine Straßen oder Wegweiser mehr, an denen wir uns orientieren konnten, und so waren wir froh, dass wir einen Überlebenden fanden, der uns den Weg zum Haus der Schwestern der Barmherzigkeit führen konnte. Dort luden wir sofort unsere Vorräte aus und ließen uns von den Schwestern schildern, unter welchen Umständen sie die furchtbare Flutnacht zugebracht hatten. Sie selbst hatten zwar keine Verluste zu beklagen, aber viele Menschen um sie her hatten weniger Glück. So berichteten sie von einer Mutter, die sie drei Tage später mit ihrem Baby im Arm unter einem Baum fanden. Die Schwestern hatten zuerst gedacht, der Gestank käme von einer verendeten Kuh, bis sie entdeckten, dass es sich um zwei Menschen handelte, die dort offensichtlich Zuflucht gesucht hatten. Die Schwestern nahmen sie mit und gaben ihnen ein ordentliches Begräbnis. Das war nur eine von vielen ähnlichen Geschichten über den Verlust von ganzen Familien, Schwestern, Brüdern, Ehepartnern, Freunden, einer Mutter, eines Vaters, einer Tochter, eines Sohnes, auch eines Priesters. Tausende erlitten ein solch unbarmherziges Schicksal.

 

Als wir die Missionarinnen der Barmherzigkeit verließen, waren wir gefühlsmäßig und seelisch ausgebrannt von dem, was wir gesehen und gehört hatten. Tausende von Menschen, Erwachsene und Kinder, ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Lebensmittel, ohne Wasser, ohne Kleidung, und - was noch schlimmer war, ohne Hoffnung. Alles, was sie besessen hatten, und viele, die sie gekannt oder geliebt hatten, waren im Handumdrehen verloren. Das sind Verluste, für die es keinen Ersatz geben kann. Nur durch die Gnade Gottes und mit der Unterstützung durch Hilfsorganisationen kann es geschehen, dass die Überlebenden sich ein neues Leben aufbauen und inneren Frieden angesichts dieser Tragödie finden können.

4_weihnacht_large_rectangle.gif