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Eine Kinderkrebs-Station für die Ärmsten der Armen

Die Kinderärztin Doktor Pasacel Yolla Gassant arbeitet seit 2004 im St. Damien Krankenhaus auf der Kinderkrebsstation. Warum diese Station gerade in einem armen Land wie Haiti lebensnotwendig ist, erzählt sie im Interview.

Die Ärztin studierte in Kuba Medizin und spezialisierte sich anschließend auf dem Gebiet Krebs bei Kindern. 2001 kehrte sie in ihr Heimatland Haiti zurück und arbeitet seit 2003 im nph-Kinderkrankenhaus, seit 2006 als verantwortliche Ärztin der onkologischen Station.

nph: Krebs gehört zu den schrecklichsten Krankheiten, die es gibt. Und besonders bei Kindern. Warum haben Sie diese Spezialisierung gewählt?

Doktor Gassant:

Das hat einen ganz einfachen Grund: Es gab diese Spezialisierung nicht in Haiti. Alle Kinder, bei denen Krebs diagnostiziert wurde und deren Eltern nicht Geld für eine Behandlung im Nachbarland, der Dominikanischen Republik, oder in Kuba, den USA beziehungsweise Europa hatten, waren zum Tode verurteilt. Das war auch mit ein Grund, diese Station einzurichten. Kinder aus armen Familien sollten genauso eine Chance auf ein Leben nach dem Krebs bekommen wie Kinder aus wohlhabenden Familien.

 

Dr. Gassant (ganz rechts) im Gespräch mit einem Patienten und seinen Eltern.



nph: Ihre Arbeit hält einem internationalen Vergleich stand. Wie haben Sie das geschafft?

Doktor Gassant:

Tatsächlich konnten wir mit der Zeit auf dieses professionelle Niveau wachsen. Waren es 2004 nur drei verschiedene Krebserkrankungen, die wir behandelten, sind es heute fast alle. Zurzeit sind wir dabei, auch Kinder mit Hirntumoren aufzunehmen. Wir bilden auf hohem Niveau unser Personal in Kinderheilkunde selbst aus.


Des Weiteren konzentrieren wir uns darauf, die Bevölkerung für diese Krankheit zu sensibilisieren. Noch immer ziehen Ärzte Krebserkrankungen bei Kindern in ihre Diagnose nicht mit ein. Auch Eltern ist oft nicht bewusst, dass ihre Kinder an Krebs erkranken können.

nph: Welche Leistungen bieten Sie auf der Station an?

Doktor Gassant:

Neben der Diagnose und Behandlung des krebskranken Kindes geben wir den Familien psychologische Unterstützung. Wir bringen dem Kind und den Eltern einen Hoffnungsschimmer.


Seit 2004 wurden zirka 420 Kinder stationär aufgenommen. Ein Kind, das Leukämie ohne jegliche Begleiterscheinung hat, bleibt zirka vier bis sechs Wochen. Bei Kindern mit Tumoren benötigen wir mindestens eine Woche, um die Voruntersuchungen durchzuführen. Erst dann beginnt die Chemotherapie. Falls ein chirurgischer Eingriff nötig ist, kann sich die stationäre Behandlung bis zu 20 Tage hinziehen. Unsere 13 Betten sind immer belegt.

 

Dr. Gassant und ihr Team in der Onkologie des nph-Kinderkrankenhauses in Haiti behandeln die Kinder auf internationalem medizinischen Niveau.



nph: Wie stehen die Chancen auf Heilung?

Doktor Gassant:

Von den 420 Kindern sind etwa 30 bis 35 Prozent auf dem Weg der Besserung oder haben die Krankheit besiegt. Wir konnten leider nicht alle retten. Oft kommen sie zu spät. Dann befindet sich der Krebs schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Aber wir geben immer psychologische Unterstützung, um diese schwere Zeit zu bewältigen.

Und selbst bei den Kindern, die in einem fortgeschrittenen Stadium zu uns kommen, gibt es ab und zu Hoffnung. Seit zweieinhalb Jahren behandeln wir einen inzwischen vierjährigen Jungen. Er kam mit etwa 18 Monaten zu uns. Da hatte er bereits eine große Krankenhaus-Odyssee hinter sich. Der Junge war falsch operiert und behandelt worden. Die Ärzte hatten nicht erkannt, dass er einen Hodentumor hatte.


Der Krebs war bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Der kleine Junge hatte Lungen- und Lebermetastasen. Die sofort eingeleitete Chemotherapie schlug gut an. Anschließend wurde der restliche Hodentumor entfernt. Die gestrigen Ultraschall- und Röntgenaufnahmen zeigen, dass er quasi nichts mehr hat. Er hat eine komplette Remission. Der Kleine ist froh, dass er in die Schule gehen kann, und die Eltern sind auch sehr glücklich.

nph: Was motiviert Sie, sich jeden Tag der schrecklichen Krankheit aufs Neue zu stellen?

Doktor Gassant:

Den Kindern ein Lächeln, Hoffnung und schließlich das Leben zu geben. Und nicht nur ihnen, sondern auch den Eltern. Denn immer, wenn man in Haiti ‚Krebs‘ sagt, ist das wie ein Todesurteil. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Unsere Motivation heißt deshalb: Hoffnung schenken, Lust auf Leben, Lust auf Spielen und auf das Teilen mit der gesamten Belegschaft.

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