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Ein Doktor aus unserem Heim

Merlin von NPH Honduras hat sein Ziel erreicht: Er ist Arzt!

Ein bestandenes Examen ist immer etwas Besonderes, ob man nun selbst aktiv daran beteiligt ist oder nur als Beobachter. Vielleicht haben Sie davon gelesen, dass wir vor kurzem hier im Rancho Santa Fe eine ganze Reihe von Examen und Schulabschlüssen unserer Kinder feiern konnten. Darüber hinaus gab es noch ein weiteres Examen. Merlin hat als erstes ehemaliges Heimkind von NPH Honduras sein Medizinstudium abgeschlossen.

 

Anders als die meisten Kinder hier bei NPH ist Merlin kein Waise; beide Eltern leben noch. Aber als er noch sehr jung war, wurden er und seine Geschwister von der Mutter verlassen, und der Vater, der wegen seiner frühen Parkinson-Erkrankung keine Arbeit finden konnte, war nicht in der Lage, seine Kinder ausreichend zu versorgen. So kam Merlin mit seinen Geschwistern auf die Ranch. Seit Beginn seines Medizinstudiums in Tegucigalpa wohnt er mit seinen Brüdern und seinem Vater in einem Haus im Ortsteil Cerro Grande. Das Haus befindet sich am Ende der Straße, mit Blick über einen Steilabhang und das darunter liegende Tal. Dort holte ich Merlin ab, während sein Vater das Haus hütete.

 

Wir gingen ein paar Straßen weiter, um mit dem Taxi ins Zentrum der Stadt zur Examensfeier zu fahren. Merlin gelang es, den Fahrpreis von ursprünglichen 80 auf 70 Lempiras herunter zu handeln. Während der Taxifahrt erzählte er mir dann, dass er sich nun, im Alter von 30 Jahren, darauf freut, sich fachlich weiter zu spezalisieren. Er möchte Chirurg werden. Als wir an der Universität ankamen, gab Merlin dem Taxifahrer 10 Lempiras Trinkgeld, den Betrag, um den er ihn anfangs heruntergehandelt hatte.

 

Viele Gesichter lächelten Merlin freundlich entgegen, aber er begab sich schnell in den Saal. Es ist schon ein ungewohnter Anblick, einen Honduraner in Eile zu sehen, aber man bemerkte es nur, wenn man genau hinsah: er hielt nie an, während er nach rechts und links grüßte. Im Saal angekommen, suchte er sich schnell seinen Platz, und dann erklang auch schon eine gekürzte Fassung der sonst ziemlich langen Nationalhymne.

 

Zwar konnte sein Vater nicht mit dabei sein und seine Brüder würden wohl zu spät kommen, aber mit den anderen 87 Ärzten und Krankenschwestern, die am heutigen Tag ihre Diplome erhielten, war Merlin alles andere als allein. Einige Ansprachen wurden gehalten, und langsam kam der große Augenblick näher, den medizinischen Eid abzulegen, ein paar Schritte nur über die Bühne, aber eigentlich ein Weg in die große Freiheit. Auf Merlins Gesicht lag ein seltsames Lächeln. Hier war ein Mann, der sich seines Weges sicher ist, der ein Ziel erreicht hat, von dem es nun weiter voran geht.

 

Gerade noch rechtzeitig, als bereits die ersten Namen aufgerufen wurden, traf Merlins Bruder Osman ein. So warteten sie nun gemeinsam an der Treppe, bis Merlin aufgerufen wurde, und Osman begleitete seinen Bruder hinauf auf die Bühne, um die nötigen Unterschriften zu leisten. Von da an war Merlin offiziell Arzt! Er erhielt sein Zeugnis ausgehändigt und stellte sich neben die honduranische Flagge zum obligatorischen Foto. Danach wurden noch viele weitere Fotos gemacht und seine Studienfreunde scharten sich um den "pequeño", das ehemalige Heimkind von NPH. Es wurde viel gelacht und geredet, und alle freuten sich darüber, es endlich geschafft zu haben und nun bereit dazu zu sein, anderen Menschen zu helfen. Schließlich verabschiedeten Merlin und ich uns von Osman, stiegen in ein Taxi und fuhren zum Haus auf dem Hügel zurück.

 

Während der Fahrt fragte ich Merlin: "Was gibst du eigentlich den pequeños auf der Ranch weiter?" Er sah mich an und sagte: "Ich sage ihnen, dass jeder auf der Ranch die gleichen Chancen hat. Wir haben die Chance, so weit zu kommen, wie wir können. Es liegt an jedem einzelnen herauszufinden, wie weit er es schaffen kann. Das Wichtigste für mich war, und das sage ich den Kindern auch, dass ich immer ein Ziel hatte. Ich hatte ein Ziel vor Augen, und das versuchte ich zu erreichen. Man braucht eine Richtung im Leben, etwas, das man erreichen will, um wirklich zu tun, was man tun will."

 

Dann sprachen wir über Bücher und kamen darauf, dass wir beide ein Lieblingsbuch gemeinsam haben, "Der Alchemist" von Paulo Coelho. Merlin sprach darüber, wie das Buch beschreibt, dass uns das Leben auf eine Reise schickt, bis wir die Dinge finden, die wir suchen und die lange angestrebten Ziele erreichen. Diese Reise verläuft zwar nie ganz so, wie man es plant, und es können Dinge dazwischen kommen, die das Leben sogar noch schöner machen - aber der Schatz, den wir auszogen zu suchen, war schon bereits am Ausgangspunkt. Wir hatten nur die richtige Abzweigung verpasst und das nötige Wissen noch nicht, um den Schatz zu finden.

 

Für Merlin ist der nächste Schatz ein Nobelpreis, und zwar nicht der für Frieden oder Medizin, sondern für Literatur. Er sagte mir: "Es geht nicht darum, das Ziel wirklich zu erreichen, sondern es vor Augen zu haben und mit jedem Tag und jedem Augenblick darauf zu zu gehen. Wenn man abends ins Bett geht, sollte man auf das, was man getan hat, zurück blicken können und sehen, in wie weit man dem Ziel näher gekommen ist. Und bevor man einschläft, sollte man sich überlegen, welche Schritte die nächsten sein können auf dem Weg zu diesem Ziel."

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