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Ein Besuch in EL Cereso

Mexikanische Kinder besuchen ihre Eltern im Gefängnis

Der 30. Mai hatte für mich so manche Überraschung bereit. An diesem Tag besuchten wir das Hochsicherheitsgefängnis El Cereso, in dem die Väter oder Mütter von 38 unserer Kinder einsitzen.

 

Um 7.00 Uhr morgens stiegen wir mit den Kindern in den Bus, alle in leuchtenden Farben wie grün, rot oder lila angezogen - ich übrigens auch -, wie es die Besuchsordnung des Gefängnisses vorschreibt, damit man sich farblich deutlich von den Insassen abhebt. Wir wurden an diesem Tag von einem Filmteam begleitet, das mich bat, einen etwa elfjährigen Jungen zu interviewen. Vorsichtig stellte ich ihm zunächst einige einfache Fragen, bevor ich die heikleren Themen ansprach: wie schwierig es für ihn war, von seiner Familie getrennt zu sein, während sie ihre Strafe absaßen, und wie er sich an diesem Tag fühlte. Ich war überrascht über seine offenen und ehrlichen Antworten. Er gab zu, dass es schwer sei, sie so lange nicht sehen zu können, aber er meinte auch, dass dies ein "sehr glücklicher Tag" sei.

 

Als wir vor dem Gefängnisgebäude vorfuhren, sah ich die hohen Stacheldrahtzäune, die Wachen in den Türmen mit schußbereiten Gewehren, ernste Gesichter, wohin man blickte, außer die 38 Gesichter unserer Kinder, die es nicht abwarten konnten, an diesen Wachen vorbei in das Gebäude zu gehen, um ihre Angehörigen wiederzusehen, die auf der anderen Seite auf sie warteten. Einer nach dem anderen passierten wir drei Sicherheitskontrollen, wo ich meine Schlüssel und die Kinder ihre Murmeln abgeben mussten (Zu meinem Erstaunen durften wir einen Fußball mit hineinnehmen). Nachdem wir ein Gewirr von dunklen Gängen durchlaufen hatten, traten wir hinaus in einen schönen Garten mit einem überdachten Sitzplatz in der Mitte, wo die Väter und Mütter in hellgelben und khakifarbenen Overalls auf ihre Kinder warteten. Als wir alle Kinder angemeldet hatten, öffneten wir das Tor und versuchten vergeblich, mit ihnen ordentlich weiterzugehen. Sie liefen uns einfach davon und waren in Sekundenschnelle in den Armen ihrer Eltern.

 

Es war eine faszinierende Erfahrung für mich, durch diesen Innenhof zu gehen und einmal nicht eine Hauptbezugsperson für diese Kinder zu sein, wie ich es normalerweise in Casa San Salvador bin. Mir wurde klar, dass ich zumindest für diese Kinder nur so etwas wie ein Langzeit-Babysitter war, für sie zuständig nur solange ihre Eltern aus dem Haus waren... was in ihrem Fall einfach eine etwas längere Zeit war. Dann ging ich von Familie zu Familie und schüttelte stolzen Vätern und weinenden Müttern die Hand. Sie alle hatten aufgrund guter Führung die Erlaubnis erhalten, für ihre Kinder ein Essen vorzubereiten. Die Kinder aßen mit lächelnden Gesichtern, überreichten Bilder, die sie für ihre Eltern gemalt hatten, spielten Fußball, hörten aufmerksam zu, wenn ihre Väter ihnen etwas zu sagen hatten, oder saßen einfach da und genossen das Beisammensein.

 

Als die Zeit zum Gehen gekommen war, gab es keine langen, schwierigen Abschiedsszenen und auch keine große Trauer. Jeder wusste, dass man sich ja bald wiedersehen würde, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, in ein paar Monaten, und dann würde sich dieser Tag wiederholen, mit dem Weg durch die dunklen, traurigen und leeren Gänge in den schönen Garten hinein, in dem, zumindest für ein paar Stunden, einige Insassen Eltern und einige Heimkinder Söhne und Töchter sein konnten.

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