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Drei kleine Überlebende

Angesichts der erschütternden Erfahrungen im von Katastrophen geschüttelten Haiti wird eine freiwillige Mitarbeiterin daran erinnert, wie wertvoll das Leben jedes Einzelnen ist.

Dies ist die Geschichte von drei kleinen Überlebenden aus einem Land, dem es zur Zeit sehr schlecht geht - Haiti. Anfang September 2004 wütete Hurrikan Jeanne im Norden dieses armen Landes und hinterließ überall Zerstörung, Elend und Tod.

 

Man fragt sich unwillkürlich, warum ausgerechnet ein ohnehin krisengeschütteltes Land eine Katastrophe solchen Ausmaßes erleben musste, eine Tragödie, bei der fast 3000 Menschen ums Leben kamen, darunter viele Kinder, die nicht kräftig genug waren, gegen die Wassermassen anzukämpfen, und deren Auswirkungen das Leben der Menschen noch viel schwieriger machten, Menschen, deren Lebenswirklichkeit auch schon vorher ein Kampf ums Überleben war! Der Satz "Das Leben ist nicht fair" klingt geradezu zynisch angesichts solcher Umstände. In den Tagen nach der Flut beschäftigte mich diese Frage immer wieder, und ich kämpfte mit Wut, Bestürzung und Verwirrung. In der vergangenen Woche schien sich Gott meines traurigen Zustandes zu erbarmen. Drei Kinder kamen zu uns ins Krankenhaus und halfen mir, ohne es zu wissen, aus meiner "Glaubenskrise" heraus.

 

Ich arbeite im Saint-Damien-Krankenhaus, einem Kinderkrankenhaus am Rande von Port-au-Prince. In dieser Woche kamen drei kleine Überlebende der Flut von Gonaives zu uns - jeder mit einer ganz erstaunlichen Geschichte. In den Augen dieser Kinder, in ihren schönen Gesichtern, in ihrem unglaublichen Lebenswillen und unerschütterlichen Freude fand ich Antworten auf meine Fragen.

 

Vilina ist elf Jahre alt und musste miterleben, wie ihre Eltern von den Fluten in den Tod gerissen wurden. Wie durch ein Wunder konnte sie sich an irgend etwas festhalten und blieb am Leben. Dann wurde sie von jemand, den wir nicht kennen, nach Port-au-Prince gebracht. Dass sie überhaupt bis hierher kamen, ist an sich schon ein Wunder, da alle Straßen unter Wasser standen. Eine Tante nahm Vilina bei sich zu Hause auf und brachte sie ins Krankenhaus, da sie Fieber hatte und unter Schock stand.

 

Ich lernte Vilina am darauffolgenden Tag kennen - ein hübsches kleines Mädchen. Sie sagte immer wieder: "Das Wasser hat meine Mutter und meinen Vater mitgenommen". Keine Tränen, kein Jammern, kein Schluchzen. Sie wiederholte nur ständig diese eine Tatsache und sah mich mit ihren großen dunklen Augen an. Ich konnte diesem Blick kaum standhalten, so viel Trauer lag darin. Heute geht es Vilina etwas besser, aber sie redet immer noch wenig. Sie geht den anderen Kindern aus dem Weg und liegt lieber still auf ihrem Bett und hängt ihren Gedanken nach. Ich vermag mir kaum vorzustellen, was eine solche Erfahrung für die Seele eines elfjährigen Kindes bedeutet!

 

Die Geschichte des zehnjährigen Guenson klingt schier unglaublich. Er wohnte in einer kleinen Hütte zusammen mit seiner Großmutter, seiner achtzehnjährigen Schwester mit deren Baby, seiner vierzehnjährigen Schwester und seinem sechsjährigen Bruder. Als die Flut kam, sagte die Großmutter zu Guenson und seiner ältesten Schwester, sie sollten auf den Baum hinter der Hütte klettern, während sie sich um den kleineren Jungen kümmern wollte. Beide konnten sich so auf den Baum retten, und die Schwester klammerte sich mit einem Arm fest, während sie im anderen Arm ihr Baby hielt.

 

Das Wasser stieg sehr schnell, und während sich Guenson verzweifelt an den Baum klammerte, sah er zu seinem Schrecken, wie seine Großmutter und der jüngere Bruder von den Fluten mitgerissen wurden. Das vierzehnjährige Mädchen wollte ebenfalls auf den Baum klettern, aber schaffte es nicht. Als seine Schwester sah, dass es nirgends Halt fand, streckte sie ihr Bein aus, und das Mädchen konnte sich tatsächlich daran festhalten und sich so über Wasser halten. So verbrachten sie den größten Teil der Nacht auf diesem Baum. Ich weiß nicht, was mit den anderen Kindern geschehen, aber Guenson wurde in die Klinik von Mutter Theresas Schwestern hier in Port-au-Prince gebracht. Die Schwestern fragten uns, ob wir Guenson in unser Waisenhaus aufnehmen könnten. Sicher findet er dort eine liebevolle Aufnahme, wenn er nächste Woche dort eintrifft.

 

Unser dritter kleiner Überlebender, ein süßes achtzehn Monate altes Baby, wurde von einem Angehörigen der UN-Schutztruppen gefunden, wie er mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb. Der Soldat hob ihn auf und merkte, dass er noch atmete. Daraufhin wurde er nach Port-au-Prince zu den Schwestern von St. Joseph de Cluny gebracht und kam von dort zu uns ins Krankenhaus.

 

Wir haben überhaupt keine Informationen über ihn. Wir wissen nicht, wie er heißt, wer seine Eltern sind, ob sie die Flut überlebt haben, ob er noch Geschwister hat oder ob es noch andere überlebende Familienangehörige gibt. Vielleicht werden wir nie eine Antwort auf diese Fragen erhalten. Er ist ein hübsches Baby, rund und wohlgenährt, und wer seine Eltern auch gewesen sein mögen, sie haben in jedem Fall sehr gut für ihn gesorgt. Er ist kräftig und gesund, und das hat ihm vermutlich auch das Leben gerettet. Wir nannten ihn Moses aus naheliegenden Gründen, und den Familiennamen Joseph erhielt er wegen der Ordensschwestern, die sich zuerst seiner annahmen. Aber ich denke auch im Stillen, dass der Hl. Josef selbst seine Hand bei der Rettung des Kleinen im Spiel hatte! So können wir uns heute über diesen gesunden und aktiven kleinen Jungen freuen, der bald eine freundliche Aufnahme im Babyhaus unseres Waisenheimes Kay Saint-Hélène hoch in den Bergen von Kenscoff finden wird.

 

 

Für mich sind diese Drei zum Zeichen der Hoffnung geworden und zum Symbol der Stärke inmitten des Elends, das den Alltag der meisten von Haitis acht Millionen Einwohnern bestimmt. Vier Tage nach der Flutkatastrophe fuhr ich nach Gonaives und fühlte mich angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung absolut hilflos und ohnmächtig. Es war schmerzlich zu sehen, dass ich kaum etwas für die Menschen tun konnte, die alles verloren hatten, was sie besaßen, und die genau wussten, dass sie auch in Zukunft wenig Hilfe zu erwarten hatten.

 

Auf dem Rückweg nach Port-au-Prince fühlte ich mich innerlich wie gelähmt von dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ich war wütend und entmutigt und haderte die ganze Fahrt über mit dem Gott, von dem die Bibel sagt, "er hört die Schreie der Armen". In den folgenden Wochen hielten die Wut und das Fragen an, und ich fühlte mich verunsichert, entmutigt und traurig.

 

Dann tauchten plötzlich Vilina, Guenson und Moses auf und gaben mir neuen Mut, wie ich das nie für möglich gehalten hätte! Moses ist so lebenslustig, immer quietscht er vor Vergnügen, wenn ich mit einem Luftballon oder einem Spielzeig in sein Zimmer komme, Valina ist voller Zärtlichkeit und Zuneigung und möchte stets in den Arm genommen und gedrückt werden, und Guenson lässt sich so leicht begeistern und sein Lebenswille ist einfach ansteckend!

 

Diese drei kleinen Wesen, die dem Tod so nahe kamen und doch überlebten, halfen mir zu verstehen, dass bei meiner Arbeit die Hoffnungslosigkeit einfach keinen Platz hat, Verzweiflung ein leeres Wort bleiben muss und jedes Leben über alle Maßen wertvoll ist. Ich bin diesen drei kleinen Weisen wirklich dankbar! Durch sie und dank Gottes Gnade fühle ich mich wieder lebendig und hoffnungsvoll, bereit, alles zu tun was ich kann, um das Leben für jeden, der mir begegnet, ein wenig besser zu machen. Vor kurzem las ich, das Gott von uns nicht erwartet, dass wir erfolgreich sind, sondern nur, dass wir treu sind. Dank Vilina, Guenson und Moses habe ich wieder den Wunsch, genau das zu sein!

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