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Die Verklärung von Barnabas

Ich fragte Barnabas, ob er wirklich sterben wollte, und da brach er in Tränen aus.

Liebe Freunde,

 

Heute wird nach dem liturgischen Kalender der Katholischen Kirche das Fest der Verklärung Christi auf dem Berg Tabor gefeiert. Mir hat dieser Tag immer gefallen, zum einen weil es ein schöner Anlass ist, und zum anderen, weil das Fest in meinem Lieblingsmonat fällt. Im August haben meine Mutter und ich Geburtstag, und so war dieser Monat stets geprägt von Ferienzeit und Feiern.

 

Für einen Augenblick durften einige wenige ausgewählte Apostel einen Blick auf das werfen, was hinter der Oberfläche des Alltags liegt. Das Antlitz Christi leuchtete auf wie die Sonne und offenbarte damit, wie die scheinbare Alltäglichkeit des Lebens vom Glanz der Herrlichkeit Gottes durchdrungen ist. Zwar ist der Blick auf diese Herrlichkeit durch die Auswirkungen der Sünde verhüllt und wir sind oft blind dafür, aber auch wir dürfen sie in besonderen Augenblicken der Gnade sehen. Den Aposteln, so wird uns erklärt, wurde diese besondere Vision geschenkt, damit sie die Erinnerung daran durch die bitteren Tage der Passion Christi begleiten sollte.

 

Vor drei Tagen, als wir abends nach einem langen, heißen Arbeitstag ins Kinderheim zurückfuhren, sahen wir beim Markt von Fermathe einen Mann am Straßenrand sitzen. Er schien verwirrt und benommen. Er musste sich übergeben und krümmte und wand sich wie eine Schlange. Jemand gab ihm Milch zu trinken. Ich dachte, er sei nur einfach betrunken, und war versucht vorbeizufahren, aber tat es dann doch nicht. Die Umstehenden erzählten mir schnell, dass er zwei Tüten Rattengift geschluckt hatte. Da ich kein Gegengift bei mir hatte und auch keine Aktivkohle, um das Gift in seinem Magen zu binden, luden wir ihn in den Wagen und sausten mit ihm in das nahegelegene kleine Krankenhaus. Dort war kein Arzt anwesend. So rasten wir weiter die enge Straße entlang, 7 Kilometer bis zum Waisenhaus. Da ich von unterwegs dort angerufen hatte, standen dort Sauerstoff, Infusionen, Aktivkohle und andere notwendige Dinge für die Behandlung bereit.

 

Der Mann heißt Barnabas. Es stellte sich bald heraus, dass seine krampfartigen Zuckungen nicht vom Rattengift ausgelöst worden waren. Barnabas, der jetzt 43 Jahre alt ist, erzählte mir, dass er seit seinem 26. Lebensjahr daran leidet. Ich vermute, dass er am Huntington-Syndrom oder einer ähnlichen neurologischen Erkrankung leidet. Seine Frau hat ihn wegen eines gesunden Mannes verlassen, und er lebt in Cap Haitian mit seinen beiden Kindern, die eigentlich die High School besuchen, deren Ausbildung er aber nun nicht mehr bezahlen kann. Aus Scham darüber, dass er immer wieder seine Arbeit verliert und seinen Kindern keine Schulbildung mehr ermöglichen kann, und der Einschränkungen durch seine fortschreitende Krankheit und der abfälligen Kommentare Fremder müde, beschloss er, nach Port-au-Prince zu fahren und seinem Leben ein Ende zu machen. Er wollte möglichst weit weg von seiner Familie und allen, die ihn kannten, um ihnen die Scham und die Verzweiflung seines Endes zu ersparen.

 

Ich fragte Barnabas, ob er wirklich sterben wolle, und da kamen ihm die Tränen. Es war die ungehemmte Tränenflut eines Menschen, der einen mitfühlenden Zuhörer gefunden hat, eine hilfreiche Hand und eine Erlösung aus der Einsamkeit. Nein, Barnabas wollte nicht sterben. Er war durch eine innere Hölle gegangen und wusste nicht mehr, dass es noch einen Himmel gab, bis ihm durch einen einfachen Akt der Nächstenliebe ein Licht gezeigt wurde.

 

Jetzt arbeitet Barnabas bei uns. Es gibt viele Dinge, die er für uns tun kann. Wir werden dafür sorgen, dass seine Kinder weiter zur Schule gehen können. Wir werden die besten Medikamente aus den USA kommen lassen, um seine Zuckungen zu mildern und den Verlauf seiner zerstörerischen Krankheit zu verzögern. Und er weiß, dass er nun Freunde hat bis zum Ende, auch wenn es ein bitteres Ende ist. Wir können versuchen, daraus ein bittersüßes Ende zu machen. Wie ich es in Bezug auf unseren heutigen Festtag sagte: Die Apostel erhielten diese Vision, damit die Erinnerung daran sie durch schlimme Tage hindurch tragen sollte. Unser Glaube ist immer so ganz lebensnah und praktisch.

 

Nach der Verklärung wurde das Leben wieder schwierig. Hollywood hätte vermutlich ein anderes Drehbuch geschrieben, bei dem der Augenblick der Verklärung am Ende gestanden hätte, aber Gott hat andere Vorstellungen. Jesula, Daniel und nun Barnabas haben noch viele Herausforderungen vor sich, und ihre menschliche Schwachheit kann ihnen selbst und uns eine große Bürde sein. Es gibt Leute, die mir gesagt haben, ich hätte einige dieser Drehbücher umschreiben und eher dazu bereit sein sollen, Menschen sterben zu lassen. Die Frage nach aktiver Sterbehilfe und danach, wer am Leben erhalten werden und wen man sterben lassen sollte, sind heiß umstrittene Themen unserer Zeit. Es ist nur so, dass ich noch nie jemand getroffen habe, der mir gesagt hat: "Vielen Dank, aber ich möchte lieber sterben." Auf diesen Moment warte ich noch und auf die Weisheit, dann richtig zu reagieren.

 

Nun noch etwas ganz anderes: In den Überschwemmungsgebieten haben wir etwa hundert Menschen mit Saatgut für die Neuanlage ihrer Gärten versorgen können. Außerdem werden mit unserer Hilfe gerade die ersten fünf einfachen Häuser für Menschen gebaut, die ihr Heim verloren haben. Schwester Philomena hat ganz allein das Geld für noch drei weitere Häuser aufgebracht!

 

An diesem Fest der Verklärung Christi beten wir auch für Sie und Ihre Familien.

 

Mit herzlichen Grüßen,

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