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Die Kinder hinter der Mauer

Ein Besuch im Kinderdorf in der Dominikanischen Republik

Von Kerstin Jansen und Elmar Mai


Wir kommen von Santo Domingo, lassen San Pedro de Macorís rechts liegen und biegen auf eine Asphaltstraße nach Norden Richtung Ramón Santana ab. „Bist Du sicher, dass wir hier richtig sind?“ fragt Kerstin besorgt. „Ja“, sage ich, „so hat man es mir beschrieben“.

Ich bin nämlich abgebogen. Unser kleines Autochen hoppelt jetzt auf einer schlaglochübersäten Piste durch ein sogenanntes Batey, eine Siedlung, die für die dortigen Feld-Arbeiter errichtet wurde. Ich setze mit dem Bodenblech auf. Ein paar armselige Bretter-Hütten mit Wellblechdächern in der offenen Landschaft ohne irgendetwas drum herum. Die Menschen sitzen auf Stühlen draußen in der Sonne, es sind überwiegend Haitianer. Eine sehr deprimierende Szenerie. Rundum Zuckerrohr-Felder, so weit das Auge reicht.


Ich steuere auf eine hohe Mauer zu, biege links und gleich wieder rechts ab und stehe vor einem großen Tor. Daneben ein Schild „NPH“. Kerstin und ich schauen uns tief in die Augen, in denen sich große Unsicherheit widerspiegelt. Hier, mitten in der Einsamkeit soll ein Kinderdorf sein? Ein ausbruchsicheres Getto? Beklemmung befällt uns.

Ich steige aus und klingle. Kerstin drückt sich dicht an mich. Eine Stimme schallt aus der Sprechanlage. Ich sage, der Besuch aus Deutschland sei da und dann geht das Tor auf. Der ausgesprochen freundliche Pförtner empfängt uns. „Stellt das Auto hier in den Schatten, ich gebe Bescheid, dass ihr hier seid. Man erwartet euch. Wollt ihr etwas trinken?“

Weiter hinten sehen wir kleinere Häuser, hell und gepflegt, eine kleine Kirche, einen geräumigen Sportplatz und ein paar große Gebäude, die sich nicht sofort erschließen. Schnell kommt ein junger Mann herbei und fordert uns auf, mitzukommen.

Wir gehen an den hellgelben Häusern vorbei. Davor spielen im Schatten von hohen Bäumen Kinder. Es gibt große Beton-Ringe mit Sitzmöglichkeiten, die mehrere solcher Schattenplätze einfrieden. Und das soll ein Waisenhaus sein? Kerstin und ich schauen uns ungläubig an, wir waren auf das Schlimmste gefasst. Aber kein Kind kommt angelaufen und will hier weg, alle spielen tief versunken miteinander, eine geradezu feierliche Atmosphäre. Es ist Sonntag, der 4. Januar 2015. Die Kinder sind alle fein herausgeputzt, wie die meisten Kinder am Sonntag in der Dominikanischen Republik.


Eine Stimme holt uns zurück in die Realität „Hallo, ich bin Anike, ich arbeite hier und soll euch begleiten“. Eine dunkelhäutige, junge Frau mit krausen Haaren und einwandfreiem Deutsch, wie geht das denn? Ich habe noch nie eine Dominikanerin mit so einem akzentfreien Deutsch getroffen. Das Geheimnis lüftet sich schnell. Anike ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, mit afrikanischen Wurzeln. Und sie leistet hier freiwillig Sozialdienst. Sie ist nicht die einzige Deutsche hier. Schnell sind wir umringt von freundlichen Menschen aller Altersgruppen.


Dann geht es Schlag auf Schlag. Marijo, eine über 70jährige Amerikanerin will uns unbedingt ihr Agrarprojekt zeigen. Sie hat gehört, dass ich Gartenexperte bin. Die Schulleiterin Kislenia Castillo kam extra für uns aus der Stadt, schließlich sind gerade Schulferien. Sie hält sich an Kerstin als sie erfährt, dass sie Lehrerin ist. Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen.

Das Areal ist riesig, weit über 20 Hektar. Unglaublich. Uns ist schnell klar, dass ein Tag viel zu kurz ist, um das Projekt wirklich kennenzulernen. Also geht es im Sauseschritt. Es ist heiß und trocken, wir sind erst am späteren Vormittag eingetroffen. Die Sonne brennt, aber zum Glück geht ein leichter Wind, der uns die Strohhüte immer wieder vom Kopf bläst. Es geht auch ohne.

Eines der großen Gebäude ist eine Schule. Kerstin merkt neidisch an, dass sie sich so eine großzügige und gut ausgestattete Schule für zu Hause wünschen würde. Hier werden nicht nur die bei NPH untergebrachten Kinder unterrichtet, es dürfen auch Mädchen und Jungen aus der Umgebung am Unterricht teilnehmen, das System ist offen. Gerade sind Ferien.

Die Mauern dienen dem Schutz der Anlage, nicht dem Zweck, die Kinder am Davonlaufen zu hindern. So ähnlich wie früher Stadtmauern. Dass hier keiner weg will, das war uns schnell klar. Wir besichtigen einige Schulräume und dann das Agrarprojekt. Kerstin und Anike setzen sich auf eine Bank und haben sich viel zu erzählen. Beide sind Kunst-Therapeuten, Schwestern im Geiste, sozusagen. Schnell sind sie ein Herz und eine Seele.

Ich gehe währenddessen mit Marijo über die Felder. Bohnen, Kürbisse, Tomaten aber auch Bananen oder Mango-Bäume wachsen hier. „Wir versuchen, so viel wie möglich selber zu erwirtschaften, leider reicht es nicht ganz. Der Boden hier ist sehr mager, ausgelaugt vom Jahrzehnte langen Zuckerrohr-Anbau“ meint Marijo traurig. Man baut hier biologisch-organisch an, mit Kreislaufwirtschaft. Eine Oase der Nachhaltigkeit. Stolz zeigt sie mir den Komposthaufen. „Wir haben auch Pumpen für Grundwasser, aber uns fehlen Einrichtungen für die Bewässerung“.

Es fehlt noch an vielem, nur nicht an Engagement. Hier ist jeder voll motiviert und voll positiver Energie. Stolz erzählt sie, dass die sportlichen jungen Damen in Jeans und T-Shirts eigentlich Nonnen sind, die hier Arbeit auf den Feldern leisten. Es herrscht Pragmatismus. Der zeigt sich auch, als uns Anike ihre Werkstatt präsentiert, eine etwas abgelegene Einrich-tung, in der sie mit Kindern töpfert oder gemeinsam die Wände mit Mosaiken verziert. „Improvisation ist hier ein Muss“, meint sie lakonisch und unaufgeregt. Die Resultate überzeugen.


Von innen sind die Mauern ohnehin schon weitgehend schön gestaltet. Es gibt Freiwillige, die hier ihren Jahresurlaub verbringen, Gruppen von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die sich für solche Projekte finden und hierher kommen. Auch die Markierungen für den Sportplatz sind erst in den letzten Tagen durch ein solches Projekt entstanden. Die amerikanische Gruppe ist gerade wieder in Abreise begriffen.

In anderen Gebäuden befinden sich handwerkliche Einrichtungen, etwa eine Schreinerei, in der Jugendliche ausgebildet werden und in der allerlei repariert wird. Hilfe zur Selbsthilfe.

Hunger stellt sich ein. Aber erst gehen wir in eines der vielen Kinderhäuser, in denen die einzelnen Wohngemeinschaften nach Alter und Geschlecht getrennt wohnen und gemeinsam essen. Sozialisierung in kleinen Gruppen, keine große unpersönliche Mensa. Denn obwohl eines der größten Gebäude eine leistungsfähige Großküche beherbergt, wird das fertige Essen täglich in den Häusern verteilt.

Eines der Mädchen entdeckt meine Kamera. So schnell kann ich gar nicht schauen, wie ich von vielen kleinen Models umringt bin, die alle fotografiert werden wollen. Lauter kichernde und selbstbewusste kleine „Damen“, alle wollen aufs Bild. Die strahlenden Augen verkünden dabei pure Lebensfreude. Insgeheim schäme ich mich, hatte ich doch eher eine deprimierende Situation erwartet. Kinder, die betteln, dass man sie mitnimmt in ein besseres Leben. Auch Kerstin schnappt sich die Kamera und mischt sich unter die Kinder. Sie ist sofort umlagert. Wir vergessen die Zeit.

Kieran, ein Ire und der Leiter des Kinderdorfes möchte uns empfangen. Wir bekommen Essen serviert, schmackhafte einheimische Küche und leckeren Fruchtsaft. „Hier lässt sich’s leben“ geht mir durch den Kopf. Kieran schildert den Werdegang dieser Einrichtung.

Vor 13 Jahren als Leiter eines Kinderhospitals aus Haiti kommend, das er etwa 10 Jahre lang betreute, hatte er erst ein kleines Haus mit ein paar Kindern unten in der Stadt San Pedro de Macorís zur Verfügung. Schnell kamen einige Nachbarhäuser dazu und das Projekt platzte aus allen Nähten. Bischof Ozario hatte dann schließlich ein Einsehen und stellte etwa ein Drittel des jetzigen Areals zur Verfügung. Den Rest kaufte NPH dem staatlichen Zuckerrohrverband ab. Die Gebäude entstanden durch Spenden und freiwillige Helfer. Auch gibt es etwas Geld vom Staat für die Lehrer. Aber der größte Teil ist nach wie vor auf die Förderung durch Spenden angewiesen.

Kerstin schielt auf die Uhr und murmelt erschreckt „es wird bald dunkel“. Die Zeit ist verschwunden, unmerklich ist sie weg. Und wir haben noch längst nicht alles gesehen. Aber da im Dunkeln das Autofahren in diesem Land brandgefährlich ist, müssen wir uns leider etwas überhastet verabschieden. Was bleibt, ist Kerstins Vorsatz, eine Patenschaft mit der Schule einzugehen. Schließlich bieten die modernen Kommunikationsmittel genügend Möglichkeiten, in Sichtkontakt mit den Kindern jenseits des Atlantiks zu kommen. Und ich gehe mit dem Vorsatz, das Agrarprojekt zu unterstützen, denn das ist eine riesige Herausforderung. Das Tor schließt sich hinter uns.

Irgendwie gehen wir mit dem Gefühl, ein kleines Paradies zu verlassen. Als wir die Holperstraße Richtung San Pedro de Macorís zurück fahren, sitzen die Haitianer immer noch auf ihren Stühlen in der tief stehenden Sonne. Menschen ohne Perspektive und Hoffnung. Ganz anders als die „Kinder hinter der Mauer“, die hier zu vollwertigen Mit-gliedern der Gesellschaft erzogen werden. Denn sie dürfen so lange hier bleiben, bis sie einen fertigen Beruf haben. „Vier unserer Schützlinge studieren aktuell in Amerika“ hallt uns Kieran‘s stolze Aussage beim Abschied noch lange in den Ohren nach. Kerstins und meine Blicke treffen sich: Die Beklemmung ist verflogen und einem großen Glücksgefühl gewichen.

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