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Die Geschichte zweier Tragödien

Während die Fluten die Stadt Gonaïves überrollen, findet im Kinderdorf die Beerdigung eines unserer Kinder statt.

Heute vor einer Woche fand das Begräbnis von unserer kleinen Immacula Immo im Kinderdorf statt, am gleichen Tag als die Flut die Stadt Gonnaives zerstörte. Erst jetzt finde ich die Worte, über beides zu berichten.

Immacula kam schon als Kleinkind zu uns. Ihre Mutter und ihre Schwester waren an AIDS gestorben, und Immacula trug auch bereits den tödlichen Virus in sich. Sie war als Kind immer kränklich, aber sie kämpfte tapfer gegen alle gesundheitlichen Probleme an. Als sie klein war, galt AZT als das Mittel zur AIDS-Therapie, und so verabreichten wir es ihr. Später rückte man von der Therapie mit einem einzigen Medikament ab, und wir behandelten Immacula mit der neuen Dreifach-Therapie, bis zu ihrem Tod. Obwohl ihr die Medikamente nur in bescheidenem Maße halfen, konnten sie ihr doch einige zusätzliche Jahre schenken. Diese zwölf Jahre waren wirklich "gute", ganz wertvolle Jahre für uns. Und für sie waren sie offensichtlich auch wertvoll. In den letzten Lebenswochen wechselten sich die Mitarbeiter mit der Wache an ihrem Bett ab, und in dieser Zeit sagte sie Adèle, sie wisse, dass sie sterben müsse, aber sie würde lieber weiterleben.

 

Unter den vielen hundert Kindern in unserem Heim gibt es immer einige, die mir unbekannt bleiben, da ich sie meist nur bei größeren Veranstaltungen sehe, wie bei der Messe oder sonstigen Versammlungen. Aber mit einigen Namen und Gesichtern verbinde ich auch ganz besondere Begegnungen oder Begebenheiten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Immacula vor vielen Jahren bei einer Weihnachtsfeier auftrat. Susana forderte das kleine Mädchen dazu auf, uns ein Lied zu singen. Sie nahm das Mikrofon und sang mit ihrer wohlklingenden, tiefen Stimme ein Lied über den Frieden. Die Melodie war sehr ergreifend, und der Refrain lautete: "und dann wird der Frieden zu uns zurückkehren". Mir ist es auch deshalb noch so gut im Gedächtnis, weil Immacula selbst von dem Lied so gerührt war, dass sie anfing zu weinen und Susana zu ihr kommen und sie ihn den Arm nehmen musste.

 

In den letzten Tagen, die Immacula unter uns verbrachte, bahnte sich eine weitere Tragödie an, von der wir noch nichts ahnten. Während sich Immaculas Seele von ihrem Körper zu lösen begann, fing der Tropensturm Jeanne an, seine Wassermassen auf die Berge oberhalb von Gonnaives auszuschütten. Und während sich Jeanne einen Weg zur Küste suchte, begab sich Immaculas Seele auf den Weg zum Himmel. Nun war Immacula tot, zu unserem großen Kummer, und nachdem die Kinder an ihrem aufgebahrten Körper gebetet hatten, bereiteten wir mit großer Sorgfalt die Beerdigung vor. Wir zogen von der kleinen Kapelle zum Altar in der Nähe des Friedhofs, genau zu der Zeit, als weit entfernt die Wassermassen von Jeanne die Bergschluchten hinabrollten. Ich segnete ihren Körper mit Weihwasser und sagte "wie Immacula mit Christus im Wasser der Taufe gestorben ist, so möge sie nun mit ihm die Freude der Auferstehung teilen." Während ich diese Worte sprach, kamen das Wasser der Zerstörung auf die ahnungslosen Menschen in Gonnaives herab.

 

"Herr, erbarme dich, Christus, erbarme dich, Herr, erbarme dich." Während wir so beteten, rauschten die Flutwellen durch die Straßen von Gonnaives.

 

Während ich die Gaben auf den Altar legte, um sie als Opfer darzubieten, stand ein anderer Priester vor seinem letzten Opfer. Pater Olivier war ein Priester des Ordens "Oblates of Mary Immaculate".

 

Mit seinen achtzig Jahren hatte dieser französische Priester fast sein ganzes Leben als Missionar im Ausland verbracht. Vor mehr als vierzig Jahren hatte er in den Krisenregionen Kambodscha und Laos seinen Dienst versehen. Einmal stand er schon vor einem Erschießungskommando und wurde erst im letzten Augenblick "begnadigt". Er überlebte auch einen Gefängnisaufenthalt und einen Granateneinschlag. In den letzten vierzig Jahren arbeitete er in Gonnaives und kümmerte sich um Leprakranke. Den Ruhestand verbrachte er in der Niederlassung der Missionarinnen der Barmherzigkeit, den Schwestern von Mutter Theresa, und hielt dort die Messe und kümmerte sich um die Kranken und um die Schwestern. Unsere liebe Freundin Schwester Abha, die vor 25 Jahren das Sterbehospiz in Port-au-Prince gegründet hatte (gemeinsam mit Mutter Theresa), wurde kürzlich von Post-au-Prince nach Gonnaives versetzt. Ein alter leprakranker Mann, der ein Bein verloren hatte, lebte bei Pater Olivier in dessen kleinem Haus, und Schwester Abha besuchte sie häufig. Als sich die Wassermassen über das Grundstück ergossen, brachte man die Kranken eiligst aus dem Heim in die höhergelegene Kapelle. Die Schwestern kehrten in das Konvent zurück und versuchten unterwegs Pater Olivier zu erreichen, aber der Weg zu seinem Haus war bereits durch die Fluten unerreichbar geworden. Auch in ihrem Konvent stieg das Wasser schnell so hoch, dass es bald zu den Fenstern hereinströmte.

 

"Möge der Herr dieses Opfer aus unserer Hand annehmen, zum Lobe und zur Ehre Gottes, zu unserem Wohl und zum Wohl der ganzen Kirche." Unsere Messe nahm ihren Fortgang. Das Wasser strömte in Pater Oliviers Haus. Der alte einbeinige Mann konnte ihm nicht helfen. So endete das Leben dieses bewundernswerten Priesters, während ich das kostbare Brot über Immaculas Körper hoch erhob. "Das ist mein Leib, für euch dahingegeben."

 

Während ich den Leib und das Blut Christi über dem Altar erhob, kletterten die Schwestern auf ihren Esstisch, um über Wasser zu bleiben. Schon waren ihre weißen Saris von dunklem Schlamm beschmutzt. Das Wasser stieg, und da sie nicht mehr höher klettern konnten, bereiteten sie sich auf den Tod vor. Immaculas Messe ging weiter. "Erlöse uns, o Herr, von allem Bösen, und gewähre uns Frieden an unserem Tag. Halte uns frei von der Sünde und schütze uns in aller Not, während wir in freudiger Hoffnung auf die Wiederkunft unseres Erlösers Jesus Christus, warten."

 

Eines nach dem anderen gingen die Kinder an Immaculas Leichnam vorbei. "Der Leib Christi." "Amen." Große Augen. Noch keine Tränen. Die Kinder haben die Fähigkeit, sich vor den harten Tatsachen abzuschirmen, die ihr junges und zartes Leben bereits gezeichnet haben.

 

Durch das barmherzige Eingreifen Gottes stürzte die Begrenzungsmauer gerade in dem Augenblick ein, als die Schwestern kurz vor dem Ertrinken waren. Die Fluten rissen die Mauerstücke einfach mit sich fort, und dadurch sank der Wasserspiegel sofort um fast einen halben Meter auf das Niveau der umliegenden Straßen. So waren die Schwestern auf ihrem Tisch in Sicherheit. Das Wasser stieg auch nicht mehr weiter.

 

"Die Messe ist beendet. Gehet hin in Frieden."

 

Dann begaben wir uns zum Friedhof. Der Kinderchor sang. Als wir Immacula zu Grabe legten, konnten sich die Kinder nicht mehr länger beherrschen. Sie kannten Immacula seit Jahren und liebten sie als gute Freundin. So erhob sich ein vielstimmiges Wehklagen und Schluchzen. Sofort nahmen Sarah, Gena, Schwester Lorraine, Adele, Schwester Ancie und noch viele andere so viele Kinder in den Arm, wie sie nur konnten. Es war schrecklich. Wer würde nicht weinen angesichts einer solchen Wehklage, eines solchen Anblicks, eines solchen Schmerzes? Aber das Wehgeschrei in Gonnaives war noch viel lauter und eindringlicher, denn dort gab es keinen festen Boden mehr unter den Füßen, keinen Ort, wo man die verzweifelten Ertrinkenden bergen konnte. Kinder wurden aus den Armen ihrer Mütter in den Tod gerissen, bescheidene Häuser hinweggeschwemmt, und in den lehmigen Fluten trieben tote Pferde, Kühe, Großmütter und Onkel in Richtung Meer. "In paradisum preducant te angeli..." "Mögen dich die Engel ins Paradies begleiten, mögen die Märtyrer dir entgegen kommen, um dich zu begrüßen..." Ein Gebet für den Frieden, für zweitausend verzweifelte Seelen.

 

Da kam mir eine Idee. Ich holte die weinenden Kinder eines nach dem anderen zu mir, gab ihnen das Becken mit dem Weihwasser in die Hand und bat sie, das Grab zu segnen. Sie traten schluchzend ans Grab, aber irgendwie vermittelte ihnen dieses Ritual etwas Frieden und Kraft. Sie besprengten Immaculas Grab mit geweihtem Wasser, ein äußeres Zeichen der Gnade Gottes. Und sie benetzten das Grab mit ihren Tränen, ein äußeres Zeichen für ihre eigene Barmherzigkeit. Allmählich ließ das Wehklagen nach.

 

Allmählich begann das Wasser in Gonnaives abzulaufen.

 

Als ich von den Schwestern in Port-au-Prince erfuhr, was in Gonnaives geschehen war, machten wir uns sofort auf den Weg dorthin. Wir gingen dorthin als Zeichen unserer Solidarität, um unsere Freundschaft und unsere Anteilnahme zu zeigen und zu sehen, wie wir helfen konnten. Wir nahmen unserem Freund und Kollegen Phadoul mit, um ihm bei der Suche nach seiner Mutter und seinen Geschwistern zu helfen, die in Gonnaives wohnten.

 

Fünf Stunden waren wir unterwegs auf Straßen, die sich in einem schrecklichen Zustand befanden. Wir kamen nach Sonnenuntergang an. Um in die Stadt zu gelangen, mussten wir durch einen See fahren, der einmal ein Reisfeld gewesen war. Unsere Scheinwerfer befanden sich vollständig unter Wasser, sodass wir vor uns nur Dunkelheit und dunkles Wasser sahen. Das Wassser ging bis an unsere Tür. Zwei Führer standen auf unseren Trittbrettern, um dafür zu sorgen, dass wir nicht von der überfluteten Straße herunterfielen, wie viele andere Lastwagen und Busse vor uns, die rechts und links der Strecke umgekippt lagen und wie seltsame Bojen die zwei Kilometer lange Durchfahrt markierten. Gonnaives selbst lag im Dunkel, verheerend zugerichtet, in Trümmern. Es waren keine Menschen zu sehen, jedenfalls nicht in der Nacht. Wir kämpften uns durch das Wasser und den Unrat durch die zerstörte Stadt, bis wir das Anwesen der Schwestern erreichten. Sie kamen heraus, um uns zu begrüßen... schlammbespritzt, aber glücklich, uns zu sehen, und erzählten uns ausführlich, was geschehen war. Da alles mit Schlamm bedeckt war, hatten wir keine andere Möglichkeit als im Wagen zu schlafen, auf dem einzigen Stück trockenen Land, das wir finden konnten.

 

Am nächsten Morgen hielten wir sehr früh eine gemeinsame Messe ab. Eine Messe der Danksagung, eine Messe für die Opfer, eine Messe mit der inständigen Bitte um Hilfe. Nach der Messe gaben uns die Schwestern ein Frühstück aus Dosen von Armeebeständen, Eiern und Brot. Wir machten eine Liste von Dingen, die aus Port-au-Prince benötigt wurden, und machten uns dann wieder auf den Weg in die Stadt, um nach Phadouls Familie zu suchen.

 

Es ist schier unbeschreiblich, was wir sahen, als wir bis zu den Hüften im Wasser durch die Straßen wateten. Hundewelpen trieben an uns vorbei, und einige Leute versuchten, ihre schlammigen Kleidungsstücke in dem noch schlammigeren Wasser, das uns umgab, zu waschen. Bis in eine Höhe von drei Metern war alles zerstört. Elektrische Leitungen hingen ins Wasser hinein. Die Leute grüßten uns von den Dächern ihrer Häuser herab. Dort hockten sie dichtgedrängt mit den wenigen Habseligkeiten, die sie hatten retten können. Sie riefen uns zu: "Passt auf den weißen Mann auf, dass er nicht in einen Kanal fällt. Er weiß nicht, wo sie neben der Straße sind. Er ist schon nass genug."

 

"Danke! Kijan nou ye? Wie geht es euch?"

 

"Nou pa pi mal?. Nicht so schlecht. Wir sind am Leben geblieben, und das ist das Wichtigste."

 

So wie die Straßen voller Müll, Möbelstücke und Steine waren, so waren die Hinterhöfe der Häuser von einer dicken Schlammschicht bedeckt. Als wir in den Hof des Hauses kamen, in dem Phadouls Mutter wohnte, sahen wir sofort die Leiche einer alten Frau, die mit dem Gesicht im Schlamm lag. Doch wir sahen bald, dass es nicht Phadouls Mutter war, als wir ein wenig Schlamm entfernten. Wir hielten inne, um ein Gebet für sie zu sprechen. Es hatte keinen Zweck, sie aus dem Schlamm herauszuheben, denn es gab keine geeignete Stelle, wo wir sie hätten hinlegen können. Wir hätten sie auch niemals die drei Kilometer zurück zum Auto tragen können. Wir erfuhren, dass Phadouls Mutter in das höher gelegene Haus einer Freundin hatte flüchten können, und dass es ihr gut ginge. Also machten wir uns wieder auf den beschwerlichen Weg weiter in die Stadt, bis wir das Haus von Phadouls Brüdern und ihren Familien fanden. Ihre Habseligkeiten lagen zum Trocknen ausgebreitet auf dem Dach, das ihnen das Leben gerettet hatte, und die Familie machte sich nun an die mühselige Arbeit, die dicke Schlammschicht aus ihrem Haus herauszuschaufeln.

 

Voller Dankbarkeit, dass die Schwestern und Phadouls Familie in Sicherheit waren, gerührt von der Sorge vieler Fremder um unser Wohlergehen, die uns von ihren Dächern aus grüßten, ermutigt durch die großartige Einstellung der Überlebenden, die sich bereits wieder an die Arbeit machten, um ihr Leben neu aufzubauen, eilten wir zurück nach Port-au-Prince, um geeignete Hifsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Es ist die gleiche Hilfe, die wir in Thiote seit der verheerenden Flut von vergangenen Mai leisten. Alles wird gebraucht. Kleidung, Trinkwasser, Feldbetten, Lebensmittel, Medikamente, Saatgut für die Felder, Zement für den Neuaufbau der Häuser, Schaufeln, um den Schlamm wegzubekommen. Alles wird gebraucht, aber der Tag ist noch jung, und wir sind am Leben geblieben, das ist das Wichtigste...

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