2013 HON Schneiderwerkstatt
Aktuell

Der Traum von Gleichberechtigung

In vielen Ländern weltweit sind Frauen weiterhin benachteiligt

Seit mehr als 100 Jahren kämpfen Mädchen und Frauen gegen Unterdrückung und Gewalt. Sie setzen sich für Gleichberechtigung ein. In vielen Industriestaaten, darunter Deutschland, ist die Gleichberechtigung der Geschlechter zwar fortgeschritten, doch der Anteil von Frauen an schlecht bezahlter Arbeit ist hoch und führende Regierungs- und Unternehmenspositionen sind weiterhin männerdominiert. Und das, obwohl Frauen gleich gut oder sogar besser ausgebildet sind als Männer. In vielen Entwicklungsländern hingegen steckt der Kampf der Frauen für eine Gleichberechtigung noch in den Kinderschuhen. In Lateinamerika beispielsweise haben Mädchen kaum Zugang zu guter Bildung und dadurch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Frauen werden zudem öfter Opfer von Gewalt, die in den meisten Fällen keine strafrechtlichen Folgen hat. Das Kinderhilfswerk nuestros pequeños hermanos (nph) unterstützt im Rahmen seiner Frauenförderungs-Programme Mädchen und jungen Frauen auf ihrem Weg zu mehr Gleichberechtigung.

Deutschland plant Chancengleichheit per Gesetz zu fördern

In Deutschland nehmen Frauen heute fast gleichberechtigt mit den Männern am Arbeitsmarkt teil. Durch ihre guten Qualifikationen wären sie auch bestens für Spitzenpositionen geeignet. Doch trotz des Bundesgleichstellungsgesetzes sind Frauen in den Führungspositionen der deutschen Wirtschaft nach wie vor unterrepräsentiert. Ein aktueller Gesetzentwurf von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sieht für Aufsichtsräte von Unternehmen, die börsennotiert sind und der paritätischen Mitbestimmung unterliegen, eine feste Frauenquote von mindestens 30 Prozent vor. Unternehmen, die entweder börsennotiert oder mitbestimmt sind, sollen sich verpflichten, den Frauenanteil in Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Managementebenen als Zielgröße festzulegen. Auch in Bundesbehörden soll der Anteil von Frauen steigen. Der Gesetzentwurf soll Anfang März vom Bundestag verabschiedet werden. Ob diese Frauenquote wirklich zu einer Änderung auf dem Arbeitsmarkt führt, ist jedoch fraglich.

Die Lebensrealität von Frauen in Lateinamerika


Rund 113 Millionen Frauen gehen in Lateinamerika einer Beschäftigung nach. Die meisten von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor. Ihr Lohn beträgt oft nur 1,80 Euro pro Tag. Die wenigsten dieser Frauen verfügen über einen Grundschulabschluss oder eine Berufsausbildung. Denn in Lateinamerika herrscht noch ein „klassisches Frauenbild“ vor: Frauen sind in erster Linie für Kinder und Haushalt verantwortlich und deshalb wird ihrer Bildung kein großer Wert beigemessen. Doch aufgrund der großen Armut in den Ländern Lateinamerikas müssen sie zudem noch Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdienen. Viele Frauen arbeiten als Tagelöhnerinnen, in Teilzeitstellen oder als Kleinhändlerinnen. Zugang zu Sozialleistungen wie Kranken- und Arbeitslosengeld oder Rente hat nur eine sehr kleine Gruppe der weiblichen Bevölkerung. Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) schätzt, dass bis 2020 die Anzahl der arbeitenden Frauen auf rund 141 Millionen ansteigen wird. Ohne entsprechende Bildungs- und Armutsbekämpfungsprogramme werden diese Frauen weiterhin in einer Spirale aus schlecht bezahlten Jobs und mangelnder bis fehlender sozialer Absicherung gefangen sein.

nph bietet Frauen Bildungsprogramme an


Um mehr Frauen mit einer Ausbildung im Gepäck für die ohnehin schwierige Arbeitswelt auszustatten, betreibt nph umfangreiche Ausbildungs- und Förderungsprogramme. In den Grundschulen der Organisation machen jährlich über 2.000 Mädchen einen Grundschulabschluss. Viele Mädchen in Lateinamerika, die das Grundschulalter bereits überschritten haben, können weder lesen, schreiben noch rechnen. Ohne diese Fähigkeiten können sie aber oft nur zu Dumping-Löhnen arbeiten.

In den elf nph-Kinderdörfern werden die Mädchen, die bei nph leben oder aus der Umgebung der Kinderdörfer kommen, zu Tischlerinnen, Schlosserinnen, Elektrotechnikerinnen oder Bäckerinnen ausgebildet. Die in den Lehrwerkstätten angebotenen Ausbildungsgänge richten sich nach der Nachfrage im lokalen Arbeitsmarkt und sind staatlich zertifiziert. Für Mädchen, die bei nph leben, ist eine Berufsausbildung verpflichtend. So soll sichergestellt werden, dass jedes Mädchen eine realistische Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommt.

Das Frauenförderungsprogramm „Chicas Poderosas“


Frauen werden nicht nur in der Arbeitswelt diskriminiert. Sie sehen sich zudem oft mit Gewalt und ungleicher Behandlung konfrontiert. Das nph-Programm Chicas Poderosas klärt Mädchen und junge Frauen über ihre grundlegenden Rechte als Frau auf und bereitet sie vor, Entscheidungen in ihrem Leben selbstbestimmt zu treffen und eigene Ziele zu verfolgen. Die Mädchen bauen in diesem Programm Selbstvertrauen auf und lernen auch wie sie aus einer möglichen Gewaltspirale ausbrechen können.

Die Mexikanerin Josselin Martinez ist eine selbstbewusste Frau


In Mexiko sind 49 Prozent der Frauen erwerbstätig. Das ist deutlich geringer als der OECD-Durchschnitt von 57 Prozent. Unter den OECD-Staaten hat Mexiko den größten geschlechterbezogenen Unterschied bei der Bezahlung. Für jeden Dollar, den ein Mann verdient, erhält die Frau nur 80 Cent. Zudem weist Mexiko weltweit eine der höchsten Raten an Gewalt gegen Frauen auf – rund 67 Prozent leiden unter häuslicher Gewalt.

Wäre es nach dem Willen der Eltern gegangen, wäre Josselin Martinez in das klassische Frauenbild einer ungebildeten Hausfrau und Mutter gepresst worden. Doch dieses Bild der Frau entsprach nicht Josselins Vorstellung ihres späteren Lebens. Nach dem Tod der Eltern, kam sie ins Kinderdorf von nph mexiko. Dort machte sie den Grundschulabschluss und eine Ausbildung. „Die letzten fünf Jahre arbeite ich nun als Kindergärtnerin und bin zufrieden – auch mit meinem Lohn. 400 Dollar sind für mexikanische Verhältnisse sehr gut“, sagt die junge Frau. Josselin Martinez lebt übrigens ihren Traum – als berufstätige Frau und als Ehefrau und Mutter.

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