Fr. Rick
Aktuell

"Bitte vergesst Haiti nicht!"

Eine Nachricht von Pater Richard aus Haiti.

Kürzlich veröffentlichte der Leiter der nph-Einrichtungen in Haiti, Pater Richard Frechette, diese Nachricht in seinem Blog.

 

Wir haben den Text für Sie ins Deutsche übersetzt.

 

 

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Liebe Freunde,

Vor zwei Tagen, spät am Abend, sind einige von uns nach Cite Soleil gefahren. Wir wollten schauen, welchen Fortschritt unser Hausbau dort gemacht hat und einiges zum Bauprojekt besprechen.

Als wir gerade bei der St. Marie-Klinik hielten, um einen kurzen Besuch zu machen, raste ein Motorrad, auf dem drei Männer saßen, auf uns zu. Der Mann in der Mitte hing zur Seite herüber und war schon fast tot.

Ich wusste sofort, dass es Cholera war. Ich wusste sofort, dass ich nur ein paar IV-Nadeln und ein paar Liter IV-Flüssigkeit brauchte, um sein Leben zu retten.

Mit einigen Schwierigkeiten konnte ich einen Zugang in seinen Arm legen, währen Amaral, Pater Enzo, Wisely und Murat sich abwechselten, die IV-Beutel immer wieder zusammenzudrücken. So läuft die IV-Flüssigkeit am schnellsten in den Körper eines Cholerakranken, und das war wichtig, denn dieser Mann war dem Tode näher als dem Leben.

Während ich ihn versorgte, sprach ich mit seinem Bruder, der ihn auf dem Motorrad festgehalten hatte. Ich sprach mit dem halb bewusstlosen Patienten, der der Infektion schon fast erlegen war.
Und ich sprach mit mir selbst, damit wir alle – auch ich – ruhig und zuversichtlich bleiben konnten.

Ich wusste, dass sein Tod für den Tod vieler Träume stand; für ihn, für seine Kinder, für seine Familie.

Ich hielt meinen Finger auf seinem Puls, während meine Begleiter die Beutel zusammendrückten.
Ich wärmte ihn mit Decken gegen sein Zittern und betete still.
Sein Puls stabilisierte sich sehr langsam; erst war er nur ganz seicht zu spüren, dann ein bisschen stärker und schließlich fühlte ich einen starken Puls, der meinen Fingern sagte, dass der Mann überleben würde.

Ich war überwältigt, weil ich wieder einmal merkte, wie wenig es bedarf, um zu helfen, wie groß die Auswirkungen der Hilfe sind und wie oft Träume, die kurz davor sind zu zerbrechen, plötzlich wieder aufleben; durch eine Böe vom Wind der Hoffnung.

Unser Schuljahr hat gerade begonnen. Wir haben ungefähr 11.000 Schüler. Sie haben junge Geister und junge Herzen. Sie sind erpicht darauf, zu lernen und erpicht darauf, ihre Talente zu nutzen, um ihr eigenes Land wieder aufzubauen.

Ich liebe ihren Stolz, ihren Enthusiasmus und ihre Unschuld, die aber immer auf der Kippe stehen.

Wie alle Kinder überall verdienen sie es, diese zarten und später nicht mehr so zarten Jahre damit zu verbringen zu lernen und zu wachsen, anstatt sie damit verbringen zu müssen, Wasser und Holz zu schleppen und für etwas Essbares betteln zu müssen.

Mein Herz bricht, wenn ich unsere Schüler mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen sehe. Es sind nicht wenige.

Laufen, Denken, Sprechen und Lernen sind Herkules-Aufgaben für sie.

Ich fühle einen Schmerz für sie, einen Schmerz, den sie selbst anscheinend nicht spüren Ich glaube, mein Schmerz ist der Schmerz eines Mannes, der weiß, wie schwierig das Leben sogar für Menschen ist, die keine Behinderung oder andere Einschränkung haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie sie die vielen Hürden des Lebens nehmen werden.

Ich weiß, was sie noch nicht wissen: Dass nicht jeder Traum wahr werden kann, und dass nicht jeder Sturm überstanden werden kann.

Und dennoch kommen sie jeden Tag in unsere Schulen; mit steter Kraft und voller Entschlossenheit. Sie teilen ihr Lachen und ihre Umarmungen – und ich sehe: das was zählt im Leben, das haben sie doch!

Ich selbst bin auch ein Schüler, wenn auch kein junger mehr, und keiner, der nur von September bis Juni lernen muss.

In der letzten Zeit habe ich viel über die These gelesen, dass das Böse stärker als das Gute ist. Ich bin jetzt davon überzeugt, dass es wahr ist: Das Böse ist stärker als das Gute.
Der Hauptgrund dafür ist, dass das Böse den Menschen so viel mehr schädigt, als das Gute ihn heilen kann.

Allerdings bedeutet das nicht, dass das Böse gewinnt! Es heißt nur, dass eine böse Tat mit 100 guten aufgewogen werden muss, um einem Menschen zu heilen und ihm zu erlauben, zu wachsen und sich zu entwickeln.

Wir sind alle geschockt von den Enthauptungen, die der IS im Irak inszeniert. Gestern bekam ich eine E-Mail von einigen befreundeten katholischen Schwestern, die erzählten, dass sogar Kinder enthauptet werden. Das ist eine unbeschreibliche Qual.

Und trotzdem erinnere ich mich daran, was Jesus tat, als sein eigener Cousin Johannes enthauptet wurde. Als er davon erfuhr, zog er sich allein zurück, in Trauer und im Gebet. Danach speiste er 5.000 Hungrige mit wenigen Stücken Brot.

Jesus zeigt uns, dass wir im Angesicht des Bösen das Gute vervielfachen müssen. Im Angesicht des Wahnsinns müssen wir das Gute zu exponentieller Kraft bringen.

Genau das ist es – auf den Punkt gebracht – was wir mit unserer gewaltigen Arbeit in Haiti tun.
Wir versuchen, den schlechten Einfluss, den Armut, Korruption und die vielen Tragödien auf die Menschen haben, jeden Tag mit tausenden positiven Aktivitäten aufzuwiegen.

Wir versuchen, die Hoffnung zu bewahren, denn sie ist das Fundament für alle Träume.
Wir haben, was Geld nicht kaufen kann.

Wir kümmern uns, wir wollen helfen; wir sind mit ganzem Herzen dabei.
Wir haben Vertrauen, größer als ein Senfkorn. Wir leben durch die Kraft der Gemeinschaft, denn wir sind viele.

Aber sicher ist auch: Ohne Geld bleiben unsere Schulbänke leer,
Essenslieferungen nehmen ab,
Krankenhausbetten bleiben unbelegt,
Hammerschläge, die beim Häuserbau erklingen, verstummen,
das Leben der Menschen mit Behinderung wird schwerer,
verarmte Tote werden nicht beerdigt,
Opfer der Cholera überleben nicht,
und diejenigen, die Träume haben, verlieren ihren Glauben daran.

Es ist zu dieser Zeit im Jahr nicht ungewöhnlich, dass wir in einer finanziellen Krise stecken.
Letztes Jahr haben wir anlässlich meines 60. Geburtstags viele Spenden bekommen, die uns bis Weihnachten durchgebracht haben.

Ich fürchte 61 ist nicht so eine große Sache!

Wenn Sie die Möglichkeit haben, uns mit unseren Programmen zu helfen – insbesondere jetzt kurz nachdem das Schuljahr begonnen hat – bitte denken Sie an uns.

Wir sind immer noch willens - und mit Unterstützung auch in der Lage - zu helfen. Wir lieben es, helfen zu können.

Lasst uns das Böse, das uns umgibt, aufwiegen mit tausend Leben, die wir retten, mit tausend Taten des Guten, die Träume wahr werden lassen.

Herzlichen Dank für Ihre Hilfe und Ihre Gebete. Verlassen Sie sich auf meine.

Gott segne Sie!
Pater Richard Frechette CP DO
September 18, 2014
Port-au-Prince, Haiti

 

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