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Aktuell

Bildung in Lateinamerika: Ein kaputtes System

Ohne Hilfsorganisationen wie nph könnten viele Kinder in Lateinamerika nicht zur Schule gehen

Marode, kaputtgespart, ineffizient – so könnte man die Bildungssysteme in den meisten Staaten Lateinamerikas bezeichnen. Die Anfänge der Probleme reichen zurück bis in das Jahr 1982. Damals gab Mexiko bekannt, dass es seine Schulden nicht mehr zurückzahlen könne, was den Anfang der Schuldenkrise in Lateinamerika darstellte. 

Ab da ging es bergab mit der Bildung. Fortschritte, die in den sechziger und siebziger Jahren in Bezug auf die Grundschulbildung gemacht wurden, lösten sich in Luft auf. Je mehr Schulden die Länder zurückzahlen mussten, desto weniger investierten sie in die öffentliche Bildung. Die Qualität der Bildung verschlechterte sich dramatisch.   

 



Emmanuel hat in der nph-Schule in Honduras richtig lesen und schreiben gelernt – für viele andere Kinder in Lateinamerika trifft das jedoch nicht zu. 

 

Internationale Leistungsvergleiche, wie zum Beispiel die PISA-Studie, belegen die schlechte Qualität der Bildung in Lateinamerika. Bei der letzten großen Studie von 2012 belegten die lateinamerikanischen Mitgliedsstaaten die hintersten der insgesamt 65 Plätze. Am besten schnitt Chile auf Rang 51, am schlechtesten Peru ab, das sich am Ende der Liste befindet. 

 

Gute Bildung nur für Reiche 

 

Hinzu kommt das Problem der sozialen Ungleichheit. Lateinamerika ist – mit Ausnahme von Teilen Afrikas – die Region der Welt mit den größten Einkommensunterschieden. Obwohl mehr als zwei Drittel aller Schulabgänger ihren Abschluss an einer öffentlichen Schule machen, machen sie nur ein Viertel der Studenten an staatlichen Universitäten aus. Die Hälfte aller Kinder kann nach der Primarschule nicht richtig lesen und schreiben – 90 Prozent von ihnen kommen aus Familien der untersten Einkommensschichten. Jene, die es sich leisten können, denken nicht einmal daran, ihre Kinder in eine öffentliche Schule zu schicken.  

 



Nur ein Viertel der Studenten an den staatlichen Unis war an einer öffentlichen Schule. 

 

Tote bei Protesten gegen Bildungsreform in Mexiko

 

In vielen lateinamerikanischen Ländern wurden in den letzten Jahren Reformen angestoßen, um die Qualität der Bildung zu verbessern. So zum Beispiel in Mexiko. Die dortige Bildungsreform ist jedoch heftig umstritten und die Proteste nahmen ihren tragischen Höhepunkt  am 19. Juni dieses Jahres als elf Demonstranten erschossen wurden.

Die Bildungsreform wird von der unabhängigen Lehrergewerkschaft abgelehnt, weil sie eine Verlagerung der Finanzierung von Schulen auf private Ressourcen ermöglicht. Die Kritiker sehen darin ein Konzept, mit dem die Regierung sich ihrer Verantwortung für öffentliche Bildung entzieht. Stattdessen wird eine Abhängigkeit von privaten Investoren gefördert.

 



Ohne Bildung blicken Kinder einer düsteren Zukunft entgegen.

 

Wenn Bildung privatisiert wird

 

Welche Konsequenzen die Privatisierung von Bildung haben kann, zeigt sich am Beispiel von Nicaragua. Der Prozess der Privatisierung wurde dort 1992 unter der Regierung von Violeta Barrios de Chamorro begonnen. Er wurde beschönigend als „Schulautonomie“ bezeichnet. Die Schulgebühren, die damals eingeführt wurden, hielten viele Eltern davon ab, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Außerdem entstand eine Vielzahl privater Hochschulen mit dürftigem Niveau. Eine weit verbreitete Redewendung brachte es auf den Punkt: „Wenn du den Abschluss bezahlst, bekommst du ihn auch.“ 

 



2007 wurden die Schulgebühren in Nicaragua zwar abgeschafft, doch vielen Eltern fehlt es an Geld für Bücher, Hefte oder Kleidung.

 

Mit der Machtübernahme der FSLN (Sandinistische Nationale Befreiungsfront) im Jahr 2007 wurde die Schulautonomie wieder zurückgenommen. Die Schulgebühren wurden verboten und die Uniformpflicht abgeschafft. Es konnten wieder mehr Kinder die Schule besuchen. Dies war ein wichtiger Schritt, jedoch darf man nicht vergessen, dass der Großteil der Kosten für die Eltern durch Bücher und Hefte, Kleidung und Fahrtkosten anfällt. Hinzu kommt, dass das Kind als Arbeitskraft wegfällt, wenn es zur Schule geht. Viele Familien können sich diesen finanziellen Ausfall nicht leisten.

 

Kinderarbeit statt Schule

 

Damit wäre man beim nächsten Problem in Lateinamerika: Kinderarbeit. Für viele Familien ist es von existenzieller Bedeutung, dass ihre Kinder arbeiten gehen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Schon Sechsjährige gehen Schuhe putzen, Kaugummis verkaufen oder auf dem Feld schuften. Ein Mangel an Bildung ist nicht nur ein Problem des Systems, sondern vor allem eine Folge der extremen Armut des Großteils der Familien in Lateinamerika. 

 



In Lateinamerika arbeiten schätzungsweise 12,5 Millionen Kinder. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. 

 

Von weltweit schätzungsweise 168 Millionen arbeitenden Kindern leben 12,5 Millionen in Lateinamerika. Allerdings dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen, da Kinderarbeit häufig statistisch kaschiert wird und viele Kinder in „unsichtbaren“ Bereichen arbeiten, wie zum Beispiel im Haushalt oder in der familieneigenen Landwirtschaft. 

 

Legale Kinderarbeit in Bolivien

 

Es wird noch viele Jahre dauern, bis Lateinamerika sein Bildungsproblem in den Griff bekommt. Auch das Problem der Kinderarbeit wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Ein umstrittener Ansatz kommt aus Bolivien: Seit 2014 dürfen dort Kinder ab zehn Jahren offiziell arbeiten und erhalten Zugang zu sozialer Absicherung wie erwachsene Arbeitnehmer. 

 



In Bolivien haben Kinderarbeiter im Jahr 2014 ihr Recht auf Arbeit und damit soziale Absicherung erkämpft.

 

Kritiker sehen in dem Gesetz einen Rückschritt, doch es wurde von den arbeitenden Kindern selbst gefordert. Sie wollten damit aus der Illegalität austreten, die für sie gleichbedeutend mit Ausbeutung war. Das Gesetz beinhaltet auch eine Krankenversicherung und mehr Rechte. Ein Verbot der Kinderarbeit ändert nichts an der traurigen Realität, dass viele Kinder arbeiten gehen müssen, um zu überleben. Natürlich sollte es das Ziel einer jeden Regierung sein, dass ein Kind zur Schule gehen kann statt arbeiten zu müssen. In Lateinamerika werden aber noch viele Jahre vergehen, bis dieses Ziel erreicht ist.

Hilfsorganisationen wie nph tragen heute schon dazu bei, dass Kinder zur Schule gehen können und sich durch eine gute Bildung ein Leben ohne Armut aufbauen können. Helfen Sie mit, schenken Sie Kindern eine normale Kindheit, die das richtige Maß von Schule, Freizeit und kleinen Aufgaben beinhaltet.

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